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Wirtschaft in Sachsen Sommer 2020

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Das Entscheidermagazin der Sächsischen Zeitung.

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Wasihn antreibt, was ihm Ruhe gibt –und welche Wünsche er gern erfüllt sehenwürde, hateruns erzählt. Was wären Sie als Kind gerne geworden und wie sind Sie zu dem aktuellen Beruf gekommen? Mein absoluter Traumberuf als Kind war Konditor. Ichkoche auchheute leidenschaftlich gerne für meine Familie, aber andas Thema Dessert traueich mich aus Respekt vor den wahrenProfis dann doch nicht ran. Als es klar wurde, dass die Konditorei esdoch nicht werden wird, habe ich mich einer anderen Backkunst zugewandt, der Chemie. Vondaaus habe ich mich weiter Richtung Mikroelektronik vorgetastet und der Fokusmeiner Promotionwar im Bereich Mikrosystemtechnik auf der Basis von Silizium und leitfähigen Polymeren (Kunststoffen). Mit der Ankündigung der weltweit ersten 300mm Siliziumfertigung in Dresden habe ich mich bei Siemens HL beworben. Da sich bereits viele ehemalige Doktoranden aus meinem Institut an der Uni Düsseldorf auf das Abenteuer Halbleiterindustrie eingelassen hatten und sehr begeistert davon berichteten, war ich neugierig und offen. Als ich dann zum ersten Mal in meinem Leben 1998 einen Reinraum betrat, wusste ich, dass ich meine Berufung und nicht nur meinen Berufgefundenhabe. Wie kommt man so weit wie Sie? Jede Aufgabe, jede Funktion, die ich angenommen habe, will ich zu jedem Zeitpunkt so gut wie möglich erfüllen und niemals aufhören, neugierig zu sein undzulernen.Daher habe ich mich immer voll und ganz auf die aktuellen Aufgaben und Herausforderungen konzentriert und nie auf den nächsten Karriereschritt. Je mehr sich der Aufgabenbereich im Laufe der Jahre erweiterte, ist neben der Technologie ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● Thomas Morgenstern ist Geschäftsführer von Globalfoundries. ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● Lebensstationen 3 Geboren am 30.Juni 1968 in Mosbach/Baden 3 Studium Chemie in Karlsruhe /Düsseldorf 3 Promotion –Physikalische Chemie / Mikrosystemtechnik Karriereweg 3 Aufbau und Entwicklungder weltweit ersten 300 mm FertigunginDresden gemeinsam mitMotorola. 3 Siemens HL /Infineon/Qimonda/GF / Bosch /GF 3Fertigung/Entwicklung/Instandhaltung /Prozesstechnik/Einkauf ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● auch das Thema Personalführung und Kommunikation in den Mittelpunkt gerückt.Mir macht es Spaß, diese Brücke von der Technologie zu den Menschen zu schlagen. Hatten Sie Vorbilder auf dem Weg? Ich orientiere mich an meinen Wegbegleitern, die immer offen und ehrlich zu mir waren und durch ihr Feedback meinen Weg erst ermöglicht haben. Ihre Rückmeldungen waren natürlich nicht immer „einfach zu verdauen“, aber siehaben mich in meiner Entwicklunggeprägt. Persönlich sind all diejenigen Vorbilder für mich, die die Vielfalt und Komplexität einer modernen Gesellschaft und deren Menschen verstehen, akzeptieren und damit respektvoll umgehen. Wie wichtig ist Glück für die Karriere? In dieser Beziehung lautet mein Motto: „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Ich bin fest davon überzeugt, dass niemand „das Ergebnis seiner Umstände sein muss, sondern immer das Ergebnis des eigenen Handelns ist“, wie esinden 7Habbits of Highly Effective People heißt. Natürlich werde auch ich das Gefühl nicht los, dass manches doch ein Ergebnis „glücklicher Fügung“ war, aber letztendlich basierte vieles auf eigenen Entscheidungen. Was würden Sie heute anders machen? Es gibt einenschönenSatz vomDalai Lama,der das gut beschreibt: „Wenn du sprichst, wiederholst du nur, was duehschon weißt. Wenn du aber zuhörst, kannst du unter Umständen etwasNeues lernen.“ Was macht einen guten Chef aus? Da spielenviele Dimensionen zusammen.Ohne offenen, ehrlichen und respektvollen Umgang mit allen Mitarbeitern geht es nicht. Das ist die Basis, zu der aktive Unterstützung für Pluralität undDiversitätkommt. EinguterChef kannnur sein,wer authentisch agiert undklar kommuniziert. Und natürlich muss man ein berechenbarer Teamspieler sein, der Herz und Verstand situationsbedingt und erfolgreich einsetzen kann. Was fehlt Ihnen noch dazu? Dazu fragen Sie besser meine Mitarbeiter. Ansonsten gilt Goethe: „Werimmer strebend sich bemüht,den können wir erlösen.“ Sie haben drei Wünsche frei. Welche? Der erste Wunsch ist sicherlich nicht überraschend: Zeit –für Familie, für Freunde, für all die Augenblicke,die einem entgehen, wennder Fokus auf dem „geschäftlichen“ liegt. Der zweite Wunsch ist, dass man bei allen Polarisierungen inunserer Gesellschaft respektvoll miteinander umgeht und erkennt, dass Respekt keine Einbahnstraße ist.“ Schließlich, dass wir als GF Dresden noch mehr unsere Kapazitäten und Fähigkeiten zur Entwicklung und Produktion von systemrelevanten Komponenten für die europäische technologische Souveränität nutzen können. Von wem akzeptieren Sie Lob? Ich denke, jeder akzeptiert Lob von einem anderen Menschen, wenn esehrlich gemeint ist. Wasmich jedoch immer wieder motiviert und bewegt, sind die spontanen Rückmeldungen von Mitarbeitern in unseremWerk, sei es in der Warteschlange beim Café, auf den langen Fluren oder auch amSonnabendmorgen beim Einkaufen oder beim Sport mitden Kindern.Ich arbeite nun schon seit mehr als 20 Jahren in dieser Branche, in derDynamik unddie damit verbundene Unsicherheit unsere ständigen Begleiter sind. Zu spüren, dass man Rückhalt inder Mannschaft hat, gibt Ansporn und Kraft, gemeinsamden richtigen Wegzugehen. ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● Heizen Sie mit unserem klimaneutralen VARO-Premium-Heizöl –der Umwelt zur Liebe – Umweltprämie* für Ihre nächste Heizöl-Bestellung: 50 Liter HEL bei Bestellung von 1.500 Liter klimaneutralen VARO-Premium-Heizöl Unsere Verkaufsbüros: Meißen 03521-70000 Riesa 03525-740 445 Großenhain 03522-5295850 Dippoldiswalde 03504-690090 Görlitz 03581-304040 Zittau 03583-770224 *gültig bis 31.07.2020, bei Bestellung bitte Kennwort SZ-Anzeige verwenden, nur einmal einzulösen pro Lieferstelle, keine Barauszahlung www.varo-direct.de

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Wichtig ist, dass das Thema in der Öffentlichkeit stattfindet, trotz Corona. Die friedliche Revolution 1989 ist ein wunderschönes Ereignis. Wenn ich gewichten muss, ist mir die Wiedervereinigung sogar noch ein kleines Stück wichtiger. ? Warum? Die friedliche Revolution ist die gelungene Freiheitsbewegung in Deutschland. DerHerbst 89 hat dasFass zum Überlaufen gebracht. Aber die Polen bspw. haben mit ihrer Solidarnosc- Bewegungeineviel größere Geschichte. Die Wiedervereinigung ist das eigentliche Wunder. InOst wie West hatte da niemand mehr wirklich dran geglaubt. Das ist für die Menschen in den neuen Ländern ein riesiges Geschenk. Wir können in Polen und Tschechien besichtigen, wowir stehen würden, wenn es die Wiedervereinigung nicht gegeben hätte. Ich bin auch froh, dass wir ins Grundgesetz eingeheiratet haben und uns nicht eine eigene Verfassung gegeben haben. Das Grundgesetz ist die besteVerfassung derWelt. ? Warum muss es 30 Jahre nach der Wiedervereinigung einen Ostbeauftragten der Bundesregierung noch geben? Noch gibt es Dinge,die aus derehemaligen DDR herrühren, die besondere Aufmerksamkeit benötigen. Gleichwertige Wirtschafts- und Lebensverhältnisse sind immer noch ein Thema. Mindestens eine Legislaturperiode werden wir das Amt noch brauchen. Vorzehn Jahren hätte ich auf die Frage gesagt, dass es den Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Länder wohl 2020 nichtmehrgeben wird. Aber gerade die letztenJahre habengezeigt, dassdie Demokratie und ihre Institutionen hierzulande eine geringere Akzeptanz haben als im Westen. Darum muss sich jemand gesondertkümmern. ? Wie haben Sie das Amt des Ostbeauftragten vor der Übernahme selbstwahrgenommen? Es ist ein Querschnittsposten, auf dem mandaraufangewiesen ist, in diejeweiligen Fachpolitiken hineinwirken zu müssen. Das ist der Grund, warum die meistenOstbeauftragteninder Rezeption nicht als sehr erfolgreich wahrgenommen wurden.Die Wirkmächtigkeit ist natürlich begrenzt. Da mache ich mirnichtsvor. ? Warum haben Sie das Amt dann angenommen? Wenn du als die A-Personalie angesehen wirst, ist das eine ehrenvolle Sache. Ausgesucht habe ich mir das mitten in der Legislaturperiode nicht. Im nächsten Jahr wird gewählt. Da kann ich dem Amt kaum mehr meinen Marco Wanderwitz am Aussichtspunkt Pfaffenberg inHohenstein-Ernstthal. Seit Februar ist er Ostbeauftragter der Bundesregierung. „Ein wortstarkes Amt“, sagt er. Foto: JürgenLösel Stempel aufdrücken.Doch im Vergleich zu einem reinen Staatssekretärsamt ist man stärker wahrnehmbar. Esist ein wortstarkes Amt. ? Der Transformationsprozess durch die Wiedervereinigung ist noch nicht beendet, da ist Sachsen schonvon zwei neuenStrukturwandelprozessen betroffen, in der Automobilindustrie und durch den Kohleausstieg. Für Sie überwiegen dabeidie Chancen, warum? Viele Arbeitsplätzesind dadurch gefährdet, das stimmt. Doch ändert das nichts an der Arbeitskräftesituation insgesamt. In den kommenden Jahren werden doppelt so viele Arbeitnehmer ausscheiden als neue hinzukommen. Klar ist: Hier muss Zuwanderung her. Michael Kretschmer sagtdas sehr deutlich, auch wenn das einige nicht hören wollen. Die Hauptchance liegt darin, dass wenn durch den Wandel in der Lausitz oder im Erzgebirge zukunftsträchtige Arbeitsplätze entstehen, die Regionen auch attraktiver für Zuwanderung werden. Old Economy ist nicht besonders reizvoll für Ingenieure und Wissenschaftler,New Economyschon. Deshalb sind die geplante Fabrik von Tesla und dieBatterieansiedlungenbspw. so wichtigfür dieneuen Länder. ? Sind dieSachsen dafür offengenug? Die Mehrheit der sächsischen Bevölkerung ist weltoffen. Nicht nur in dem Sinne, dass sie überallhin in Ur- laub fahren, sondern auch das andere Menschen herziehen können, um Teil dieserGesellschaft zu werden.Das Erzgebirge hat eine jahrhundertelange Zuwanderungsgeschichte durch den Bergbau. Die Menschen kamen aus Böhmen, Schlesien, Italien. Es hat jahrhundertelang Blutaustausch gegeben. Viele haben dies offenbar vergessen. Der Anteil in der Bevölkerung, dergegen Zuwanderungist, ist nicht klein. Einehundertprozentige Zustimmungwird es nie geben. Aber wir brauchen eine belastbareMehrheit dafür.Das ist eine politische Daueraufgabe. ? Ist ein Grund für die mangelnde Akzeptanz das Gefühl vieler Ostdeutscher, Menschenzweiter Klasse zu sein? Würde bei einer Angleichung der Lebensverhältnisse dieses Gefühl verschwinden und damit auch die Offenheitgegenüber anderen steigen? Ich glaube schon, dass die Angst, einem wird etwas weggenommen, Teil des Problems ist. Esist ein Empfinden, das nicht der Realität entspricht.Deutschlandist ein ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● Land, das stärkere und schwächere Regionen hat. Jene, die von Münchner Löhnen träumen, müssten auch die Münchner Mieten zahlen. In Relation zu den Lebenshaltungskosten lebt es sichgut in Sachsen. Chemnitz ist die Großstadt mit den niedrigsten Mieten in ganz Deutschland. Was ein Problem ist, ist, dass wir noch nicht so lange in dem Modus sind, ein gewisses Vermögen aufzubauen. Auch in den alten Bundesländern hat eszwei Generationen gedauert, bis es etwaszuvererbengab. ? Wie lässt sich der Vermögensaufbau beschleunigen? In den Landkreisen Mittelsachsen, Zwickau und Erzgebirge haben wir zum Beispiel seit September 2018 insgesamt 2.700Familien mitBaukindergeld in Höhe von 55 Millionen Euro gefördert. Das ist ein wichtiger Baustein, denn wenn duein Haus erwirbst oder baust, verheiratest du dich mit der Scholle, auf dem essteht. Mit drei Kindern bekommen Familien 36.000 Euro. Im Erzgebirge kann man so ein Haus herrichten, in München gibt es ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● Zur Person MarcoWanderwitzwurde 1975 in Karl- Marx-Stadt geboren. Nachdem AbiturstudierteerJuraund begann 2003,als Rechtsanwalt zu arbeiten. Wanderwitz trat 1990 in die JungeUnion und 1998 in die CDU ein.2002 zogererstmalsinden Bundestag ein.SeitMärz2018 ist er Parlamentarischer Staatssekretär im Innenministerium, seit 2020Ostbeauftragter der Bundesregierung. Quelle: wikipedia ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● dafür eine Besenkammer. Aber ja, esist ein Problem, dass das Gefühl viel schlechterist alsdie Realität.Nur einBeispiel. ? Welches istdas? Es wird wieder eine Rentenerhöhung geben und sie ist im Osten stärker als imWesten. Dann liegt das Rentenniveau im Osten bei über 97 Prozent des Westniveaus, das Thema gleiche Rente ist damit faktisch abgehakt. Die Zahlbeträge der Renten im Osten sind aber wegen der anderen Erwerbsbiografien schon seit Jahren sehr viel höher als im Westen. In keinem der ostdeutschen Länder wird – bei weitem nicht –das Geld erwirtschaftet, um diese Renten zu zahlen. In diesen Rentenzahlungen liegt ein gigantischer West-Ost-Transfer, den man zwar noch damit begründen kann, dass inden 1990er- Jahren massenhaft junge Leute in den Westen abgewandert sind und dort für ihre Eltern in die Rentenkasse einzahlen. Aber es bleibt eineriesige solidarische Leistung. Ich höre zu selten jemanden Danke sagen. Unddas kommt in Nordrhein-Westfalenan. ? Sinddie Ostdeutschen undankbar? Es sind Versprechen gemacht worden, die sonicht eingehalten wurden. Nicht schnell genug erfüllte Angleichungswünsche sind ein Punkt. Das Entscheidende ist jedoch, dass die Gesellschaft in den 1990er und 2000er-Jahren in ihren Grundfestenerschüttert wurde. Große Existenzängste, Arbeitslosigkeit, vom Facharbeiter zur Hilfskraft werden, vom Maschinenbau auf dem Bau landen –das alles macht etwas mit Menschen. Deshalb sind sie auch sosensibel, wenn sie jetzt wieder von neuen Strukturwandelprozessen hören. Es ist Zeit, diese negativen Schwingungenhinter sich zu lassen. Denn in der Breite geht es uns inden letzten Jahren gut. Und dafür sollten wir dankbar sein. Für die eigene Leistung und die Solidaritätdes Westens. ? Die Häuser sind top saniert, aber in der Ladenzeile sind Ein-Euro-Shops. Zeigt dasnicht dieUnterschiede? Jein. Wenn man nicht gerade durch Baden-Baden läuft, sieht das in westdeutschen Kleinstädten genauso aus, weil alle bei Amazon oder in Centern einkaufen. Der einzige Laden, der überhaupt noch funktioniert, ist dann der Ein-Euro-Shop. Das ist kein ostdeutsches Alleinthema, sondern ein Kleinstadt-Phänomen. Wir sinddaals Politik dran, aber hier istnatürlich jeder auch seines eigenen Glückes Schmied. Ein Beispiel die Gastronomie. Es istnicht so, dass sich die Leuteinden neuen Bundesländern es sich nicht leisten könnten, eine Kneipenaffinität zu entwickeln wie sie in den alten Ländern üblich ist. Lieber wird jedoch das Bier mit dem Nachbarn am Gartenzaun getrunken, auch weil es billiger ist. Und wenn der Dorfkrug zumacht, wird „um Gottes Willen“ gerufen, aber wann bin ich denn das letzteMal im Dorfkrug gewesen? ? Sind die Ostdeutschen aufgrund ihrer Transformationserfahrungen besser gerüstet für das Kommende alsdie Westdeutschen? EinStück weit schon, wennsie aus diesem Negativmodus stärker herauskommen. Einfacheinmalmehr lächeln. Gespräch: NoraMiethke

Sächsische Zeitung und Sächsische.de

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