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Wirtschaft in Sachsen Sommer 2020

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Man kaufte ihn nicht nur zum selber Trinken, sondern auchzum Tauschen. „Innerhalbvon zwei Stunden war die Wochenproduktion alle.“ Lange her sind diese Zeiten, als man für einen Karton Altenberger Bitter Fliesen fürs Bad bekam oder Ersatzteile für den Trabi. Was man nach wie vor bekommt, ist die Seele der Kräuter, konserviert inFlaschen. „Heimaterde“ sagen die Eingeborenen dazu. Gesammelt werden die Ingredienzienzwarnicht mehr in der osterzgebirgischen Natur. Viele Wiesen, wo das bis Ende der DDR noch geschah, stehen jetztunter Naturschutz.Die Seele, das sind die alten Rezepte und der Reifekeller, wo die MixtureninLausitzer Steinzeugbottichen ruhen. Ein Jahr vergeht mindestens, bis sie die perfekte Harmonieerreicht haben. Tribut an den Kräutermann Die Kräuterlikörfabrik Altenberg gibt es seitfast 180 Jahren.IhreGewölbesind geschwängert von süßwürzigem Duft. In der Whiskybrennerei würde man vom „Angel’s Share“ sprechen, vom Pflichtteil der Engel. Und hier? Vielleicht vom Tribut anden Kräutermann. Den rauschebärtigen Alten mit der Pfeife im Mund gab es wirklich. Er hieß Max Holtegel und sammelte in den Sümpfen der Gegend die anätherischen Ölen reiche Kalmuswurzel, umsie an die Fabrik zuliefern. Als die Baeselers das Geschäft übernahmen, machten sie den Kräutermann zum Markenzeichen. Der Kalmus-Bitter istbis heute im Programm. Mit Christine Baeseler steht nun eine Kräuterfrauander Spitzeder Likörfabrik, eine gelernte Archivarin. Statt Papier archiviert sie jetzt Aromen. Durch ihren Mann Jürgen, einen ausgebildeten Destillateur, kam sie insMetier. Jürgen Baeseler Christine Baeseler, 67, führt die Geschäfte der Kräuterlikörfabrik Altenberg. Hier stemmt sie zwei Großgefäße mit Vogelbeerlikör (r.)und dem Klassiker Altenberger Gebirgsbitter. Kleine Bilder: Der Bitter galt zu DDR-Zeiten als Zweitwährung, für die man sich lange anstellte (oben). Unten: Christine Baeselers Lebenspartnerin Petra Kall-Moses prüft die Güte des Likörgrundstoffs imReifekeller. Fotos/Repro:Frank Baldauf hattedie AltenbergerFabrik 1984von seinem Vater übernommen. Nach der Wende erweiterte erdie Produktion, erfand das würzige Pyramidenöl, das hochprozentige Knappenfeuer, den Knoblauchschnaps und, vor allem, den Vogelbeerlikör. Dessen fruchtige Herbheit mag ChristineBaeseler besonders. Vielesolche Liköre hat sie ausprobiert imVogelbeerenland Erzgebirge. „Aber unserer schmeckt mirambesten.“ Den Chefposten hat sich Christine Baeseler nicht ausgesucht. Als ihr Mann 2003 von einer Krankheit aus dem Leben gerissen wurde, blieb ihr nichts weiter übrig, als selbst die Leitung zuübernehmen. Zwar kannte sie alle Abläufe imBetrieb, alle Entscheidungenwarengemeinsam getroffen worden. Doch nun nahm das Arbeitspensum deutlich zu. „Ich wurde da einfach reingeworfen“,sagtsie. Christine Baeseler ist nicht untergegangen, hat sich freigeschwommen. Das bezeugt,stumm, doch gutgefüllt, dasKübelspalier im Reifekeller. Die Chefin montierteinen der Deckelabund fächelt sich mit der Hand den Dunst unter die Nase. Wassie riecht, macht sie zufrieden. Das ist der Grundstoff des Altenbergers, in diesem Fall des Gebirgsbitters. DreiunddreißigKräuterund Wurzeln,einzeln über Wochen in Alkohol ausgezogen und dann hier drin vereint,gemäß Rezept des Fabrikgründers Adolf FürchtegottBüttner von 1842. Aus zehn Litern dieses Konzentrats werden einmal 500 Liter trinkfertiger Likör gemacht. Der Gebirgsbitter ist zu allen Zeiten dasLeitproduktder Altenberger Fabrik gewesen. Nur einmal wurde er umbenannt, in„Liesl Bitter“, durch Elisabeth Köllner, die einzige Frau, die vor Christine Baeseler auf dem Chefstuhl saß. Sie leitete die Fabrik von 1923 bis 1948, führte zahlreiche neue Marken ein, und machte sich selbst zu einer. Sie rauchte Zigarren, spielte gern Skat und war Altenbergs erste Autofahrerin. „Eine taffe Frau“, sagt Christine Baeseler. Sie hätte ihre Vorgängerin gern einmal kennengelernt. Den ledernen Fahrermantel und die Kappe der Köllner Liesl hütet sie im Firmenfundus. Obwohl es die Rohstoffe nicht mehr auf Zuteilung gibt wie in der DDR: Leichter geworden sind die Zeiten für die Likörmacher kaum. Der Alkoholkonsum in Deutschland sinkt seit Jahren. Und der bürokratische Aufwand steigt. Für Kleinbetriebe wie ihren, sagt Christine Baeseler, sind die Auflagen der Behörden kaum noch zu erfüllen. 2007 wagte sie einen Befreiungsschlag und verkaufte die Abfüllanlage. Seither kommt der Altenberger in Lohnarbeit in die Flasche, beim Pfeffi-Macher Schilkin inBerlin. Am Inhalt ändert das gar nichts, sagt die Chefin, und schaut in die ehrwürdige Runde der historischen Gefäße. „Die Seele des Altenbergers bleibt hier.“ www.altenberger-kraeuterlikoer.de ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● Destillate aus dem eigenen Keller Kräuter kreuzen sich mit Bohnen Brennen, wo der Stahl kocht ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● Als Antje und Jörg Straßberger,eine gelernte Damenmaßschneiderin und ein Versicherungskaufmann, ihr Eigenheim inder Freitaler Hochlage Somsdorf erbauten, wurde imKeller ein Partyraum eingeplant. „Vielleicht haben wir zu wenige Partys gemacht“, scherzt Antje. Jedenfalls wurde die Bestimmung geändert: Im Frühling 2018 ging diekleine Schaubrennerei mit Verkostungslokal in Betrieb. Im Nebenerwerb verarbeitet das Paar nun Früchte aus der Heimatund von weiter herzuBränden, Geistenund Likören. Etwa zweieinhalb Tausend Flaschen werden jährlich gefüllt. Größte Errungenschaft zuletzt: der DryGin mit Orangeund Zitrus-Note. Foto:K.-L. Oberthür p www.weisseritztaler-feinbrennerei.de Die Likörfabrik Gustav Müller ist eine Institution in Dürrröhrsdorf. Hier haben die Klassiker Wesenitzbitter und Königsteiner Berggeist ihr Zuhause. Als der Destillateur Mathias Müller, Urenkel von Gustav, nach langer Zeit einen neuen Kräuterlikör kreieren wollte, kam ihm die Idee, Kräuterauszüge mit Arabica-Kaffee und einem Hauch Vanille zukreuzen. Das Ergebnis: der Müller Drei. Ein großer Wurf, der überregional die Geschmäcker trifft, wie der Chef meldet. „Fast schon wieder ein Klassiker.“ Mathias Müllerwillnachlegen, mit einem neuen Kräuter, einem neuen Kümmel, einem neuen Gin und, abHerbst, mit einer Brennblasefür Geiste. Foto:Marko Förster p www.gustav-mueller.de In Pirna-Copitz gießt die Unternehmerfamilie Schmees Stahl, braut Bier, und jetzt brennt sie dort auch noch Schnaps. Die Destillerie „Geist von Rathen“, seit 2001 ebenda aktiv, ist an den Stammsitz, das Brauhaus„ZumGießer“, nach Copitz gezogen. In einem hübsch gemachten einstigen Verwaltungsgebäude des Stahlwerks kann man vom Kostetresen aus demDestillateur Michael Klixund seiner Brennblase bei der Arbeit zuschauen. Er schafft gern „Aha- Erlebnisse“, sagt der 39-Jährige. Dazu benutzt er zumBeispiel Quittenaus Freiberg, Birnen aus Struppen, Mirabellen aus Böhmen, aber gern auch mal Orangenvon einer spanischen Hazienda. Foto:D.Schäfer p www.destillerie-pirna.de ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ●

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Dastechnische Denkmalermöglicht denBesuchern, die Vernetzungvon Menschund Maschine hautnahzuerkunden. Ort: Frankenberger Straße 172inChemnitz, geöffnet:Do. –So.:10:00 – 17:00 Uhr, feiertags: 10:00 – 17:00 Uhr Reichen Steinkohlevorkommen verdanktSachsen seineVorreiterrolle bei der Industrialisierung Deutschlands.Und in Sachsen warder Bergbaulange Zeit Motor einer ganzen Region. DasSpannungsfeld zwischenTechnologie, Natur und Gesellschaftnimmtdie Schauplatz-AusstellungimBergbaumuseum Oelsnitz/Erzgebirge in den Fokus. Besucherkönnensich aufeineErlebnisreise durch diefaszinierendeWelt dessächsischen „Kohle-Booms“ freuen. Ort: Pflockenstraße 28, Oelsnitz/Erzgeb.,geöffnet:Di. –So.:10:00 – 18:00 Uhr, feiertags: 10:00 – 18:00 Uhr, Mo.: geschlossen DasAugust-Horch-Museumin Zwickaunimmtdie Besucher der Sächsischen Landesausstellung mitzuden Meilensteinender Automobil-Geschichte.Beleuchtet werden die Veränderungen in der ArbeitsweltamBeispielder Autoproduktion ebenso wie dieBedeutungvon Mobilität fürdie Zukunftsfähigkeit. Nicht zuletztgeht maninZwickauUtopien aufdie Spur undstellt unteranderem dieFrage:Wie sehen die Menschenheute die technischeZukunft? Ort: Audistraße 7inZwickau, geöffnet Mo.-So.:10:00 -18:00 Uhr feiertags:ebenfalls geöffnet ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● 850 Jahre für die Forschung Die Reiche Zeche in Freiberg bereitet sich mit neuen Bergwerkstouren und Ausstellungen auf die 4. Sächsische Landesausstellung vor. Zu sehen gibt es viel. Von Gabriele Fleischer Dort unten erleben Sie Geschichte und Gegenwart.“ Professor Helmut Mischo zeigt in den Schacht des Förderkorbes auf der Reichen Zeche hoch über der Stadt Freiberg. Der Direktor des Forschungs- und Lehrbergwerkes möchte neugierig machen auf das, was Besucher in der Tiefe erwartet.Das europaweiteinzige Bergwerk, das Forschung, Lehre und Angebote für Touristen vereint, ist als Schauplatz Erz Teil der 4.Sächsischen Landesausstellung zur Industriekultur. Nach dreimonatiger Zwangspause wegen der Corona-Pandemie öffnet diese am11. Juli an sechs Orten. In Freiberg führt der Wegdabei mit einer Seilfahrt von der Hängebank im Fördergebäude 147 Meter hinab bis zur ersten Sohle, sozusagen eine Etage des Bergwerkes. Ursprünglich bis 724 Meter tief geht es in der Reichen Zeche noch bis 230 Meter unter die Erde –bis zum Rothschönberger Stolln. Der dient heute wie zu seiner Entstehung vor mehr als 140 Jahren der Entwässerung und hat trotz dabei entstandener Schäden die Stadt beim Hochwasser 2002 vor einer Katastrophe bewahrt. Dochsotief hinabmüssen die Besucher der Landesausstellung nicht. Wenn sie den Förderkorb verlassen, treten sie bei einer Entdeckertour in 850 Jahre Bergbaugeschichte ein, lernen die Arbeit der Bergleute kennen und erfahren in einer virtuellen Kammer, wie das hier geschürfte Silber die Stadt auf dem freien Berg berühmt gemacht hat. Nach 500 Metern Geschichtsexkurs beginnen die Besucher, die ihre Expedition noch nicht beenden wollen, an einem Forschertisch die Reise in Gegenwart und Zukunft, interaktiv, virtuell und mit vielen Informationen. Auf eineinhalb Kilometern erfahren sie, wie Studenten und Wissenschaftler die Bedingungen unter Tage für Experimente und Entwicklungen nutzen. Fünf der insgesamt 31 Forschungsprojekte der TU Bergakademie sowie von 56Partnern aus 26 Ländern unter Tage sind entlang der Forschertour zusehen. Wie funktioniert Robotik in einem geschlossenen System? Warum kann Biolaugung Kosten bei der Rohstoffgewinnung sparen? Wie trägtHöchstdruckforschungzur Entwicklungneuer Werkstoffe bei? Aufdiese und andere Fragen finden die Besucher Antwort. Beide Touren wurden für die Landesausstellung zur Industriekultur gestaltet. „Deutschland hatweltweit dendrittgrößten Verbrauch an Rohstoffen.“ Schlägel und Eisen waren lange Zeit die wichtigsten Werkzeuge der Bergleute unter Tage, um das Erz aus dem Gestein zu lösen. Bergwerksdirektor Professor Helmut Mischo (rechts) und Marco Alicete, technischer Leiter des Silberbergwerkes, machen neugierig auf das, was die Besucher der Landesausstellung ab 11. Juli auch unter Tage erleben. Mit dem Förderkorb geht es dafür in die Tiefe. Fotos: Jürgen Lösel, PR Ein vom sächsischen Kabinett beschlossenes und vergangene Woche vom Haushalts- und Finanzausschuss bestätigtes Hilfspaket für Kultur und Tourismus macht eine Verlängerung der Ausstellungen bis zum Jahresende möglich. 18 Millionen Euro und damit eine reichliche Million mehr als geplant, stehen für die Landesausstellung bereit. Ein Stück vom Kuchen bekommen auch die Freiberger ab. 500.000 Euro sind bereits in die Vorbereitung der Ausstellung, unter anderem in die Umgestaltung des Eingangsbereiches, geflossen. Der macht jetzt richtig Lust auf Entdeckungen. Drei große Leuchtzahlen markieren Etappen der Geschichte. 1168 steht für die ersten Silberfunde in Freiberg,1765 fürdie Gründungder TU Bergakademie und 1919 für die des Lehr- und Forschungsbergwerkes. 30 der 70aktiven Mitglieder des Fördervereins Himmelfahrt Fundgrube, der in Abstimmung mit der TU Bergakademie als Hausherrinfür dieFührungenzuständig ist, bereiten sich auf die neuen Herausforderungenunter Tage vor. „Neben einer eintägigenSchulung haben wir uns intensiv mit Arbeitsmaterialien beschäftigt, die uns die zuständigen Wissenschaftler zugearbeitet haben“, sagt Marco Alicete, technischer Leiter des Silberbergwerkes. Noch will Bergwerkschef Mischo das Geheimnis um die neuen Pfade unter Tage nicht ganz lüften und lässt neugierige Blicke nicht zu. „Ab 11. Juli sollen sich die Besucher selbst ein Bild machen“, sagt er. Ergänzend zu den Touren in der Tiefe bietet eine Ausstellung imFördermaschinenhaus einen weiteren Fundus an Informationen. „Vom Salz des Lebens“, von Bergbauprofessor Carsten Drebenstedt initiiert, zeigt die Welt der Rohstoffe und wie diese unser Leben begleiten. Wer weiß schon, dass jeder Bundesbürger pro Tag44Kilogramm davon verbraucht. So jedenfalls ist es dort zu lesen. Anschaulich vermittelninteraktive Stationen,Karten und Fotos, unter welchen Bedingungen inLändern wie Indien oder Brasilien Rohstoffe abgebaut werden, die nach Deutschland importiert werden. „Und das, obwohl die Bundesrepublik selbst ungenutztes Potenzial hat“, sagt Drebenstedt und weist auf eine Karte, die aktive Abbaustellen mineralischer Rohstoffe und mögliche Lagerstätten zeigt. „Die Einstellung des Metallerzbergbaus und der Ausstieg aus der Braunkohle in Deutschland führen zu einem trügerischenBild. Deutschland hatweltweit den drittgrößten VerbrauchanRohstoffen.“ Denn auch alternative Energiequellen wie Windräder, Solaranlagen und genauso neue Technologien benötigten Rohstoffe. Die Ausstellung zeigt, dass ein Verzicht unmöglich ist, der Bedarf aber durch wissenschaftliche Forschungen und bewusstes Handeln jedes Einzelnen reduziertwerdenkann. Wissen um eine wirtschaftlich soziale und ökologisch ausgewogene Rohstoffwirtschaft werde in Studienrichtungen der Bergakademie vermittelt, so Drebenstedt, der für eine Auseinandersetzung mit dem Thema wirbt. Eine zweite, die Landesaustellung begleitende Schau auf dem Freigelände der Reichen Zeche ist die „Wissensreise Kohlenstoff“ vom Institut für Energieverfahrenstechnik und Chemieingenieurwesen. „Auch Kohlenstoff ist unverzichtbar für unser Leben“, sagt Institutsdirektor Professor Bernd Meyer. „Er steckt in Plastik, Smartphones, T-Shirts und Kraftstoff.“ Die Ausstellung macht vor Umwelt- und Klimaproblemen nicht halt, zeigt aber auch, wie Kohlenstoff nachhaltiger eingesetzt werden kann, wie Treibhausgase zu reduzierenund Abfälle zu recyceln sind. Auch hier bietet die TUBergakademie Ausbildungs- und Forschungspotenzial. Geöffnet istdie Reiche Zechefür Besucher vonMittwochbis Sonntag. Währendder Landesausstellungfindenwochentags fünfund am Wochenendesechs Führungenstatt.Aufgrund vonHygienevorschriftenwegen der Corona-Pandemie sind nurelf Personen pro Führungzugelassen. Es empfehlen sichdeshalb Voranmeldungen unter info@silberbergwerk-freiberg.de oder03731 394571. Eintrittspreise: Entdeckertour15Euro, Forschertour25Euro, Kinder und Jugendliche bis 19 Jahrefrei. ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● Sechs Schauplätze Die4.Sächsische Landesausstellung lockt an insgesamtsechs besondere Orte derIndustriegeschichte.Dazu gehören neben der ReicheZeche auch dasBergbaumuseum Oelsnitz, dieTuchfabrik Crimmitschau,das IndustriemuseumChemnitz, dasEisenbahnmuseumChemnitz-Hilbersdorf und das August-Horch-Museum in Zwickau. Einen Überblick über alle Veranstaltungen gibt es im Internet unter: www.boom-sachsen.de ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ●

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