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Wirtschaft in Sachsen Sommer 2020

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Das Entscheidermagazin der Sächsischen Zeitung.

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Es ist das Ende aller bestehenden Hierarchien in der Firma. DieChefstrukturenwerden voneiner Minute auf die andere aufgelöst. „Danach erarbeiteten wir gemeinsam an einer weißen Wand, welche Teams es von nun an geben könnte und welche Verantwortungsbereiche wir abdecken mussten“, erzählt Martin Fenzl, Eigentümer von TestaMotari.Jederkonntesichfür dieZugehörigkeit zu einem Team entscheiden undübernahmseine neueRolle. Auslöser für diese Revolution bei dem Autozulieferer war ein Buch von Frederic Laloux. Der ehemalige McKinsey-Berater ist ein Vordenker der weltweiten New- Work-Bewegung, die das Miteinander am Arbeitsplatz neu erfinden will. Martin Fenzl (37) hat das Standardwerk „Reinventing Organizations“ des 45-jährigen Belgiers gelesen und war fasziniert. „Mir wurde klar, wie sehr Hierarchien die Mitarbeiter bremsen“, erzähltder erzgebirgische Unternehmer. Zwei Monate beschäftigte sich Fenzl intensiv mit der New- Work-Philosophie, bis er den Mut aufbrachte, das Experiment in seinem Unternehmen zuwagen. Er war überzeugt, dass es keinen anderen Weg gibt als Selbstführung. Seit dem 8. April 2019 liegt die gesamte Verantwortung des Unternehmens nicht mehr nur beim „Chef“, sondern in den Teams, den Arbeitskreisen und damit bei jedem Mitarbeiter selbst. „Wir bewegen uns auf einem radikalen Weg, weg von der klassischen hierarchischen Struktur hin zueiner selbstgeführten evolutionä- „Derkluge Menschen- Verstand, der im klassischen System oftauf Stand-by geschaltet ist, wird wieder aktiviert.“ Holte das Prinzip „New Work“ nach Johanngeorgenstadt: Unternehmer Martin Fenzl. ren Organisationsstruktur“, erklärt Fenzl. Die alten Führungskräfte, wie auch der Geschäftsführer selbst, sind nur noch in einer Art Beraterfunktion tätig. Schnell stellte sich allerdings heraus, dass es nicht so einfach ist, von heute auf morgen eine neue Unternehmensphilosophie zu leben und in einer eher etwas konservativen Region wie dem Erzgebirge den Vorreiter im „New Work“ zu spielen. „Es ist erst mal viel Chaosentstanden, dieKosten im Einkauf sind gestiegen und leider auch der Krankenstand“, erzähltFenzl. Doch es sei auchneueKapazität entstanden, weilviel Bürokratie wegfiel. „Und die Intelligenz im Unternehmen ist exponentiell angestiegen“, versichert der Unternehmer, der inzwischen davon überzeugt ist, dass Formulare, Freigaben und Zeiterfassung nur Instrumente des Misstrauens der Führungskraft gegenüber seinen Mitarbeitern ist. „Der kluge Menschenverstand, der imklassischen System oftmals auf Stand-by geschaltet ist, wird nun wieder aktiviert“, sagt der Eigentümer von Testa Motari. Allerdings brauche es Zeit. „Manchmal ist es wie bei eingesperrten Tieren. Der Käfig ist offen, aber erwird nicht verlassen“, meint Fenzl. Die neue Unternehmensphilosophie stelle die Anforderung, alte Denkweisen und Muster, mit denen wir seit der Kindheit leben, infrage zustellen, an innere Grenzen und darüber hinauszugehen, Masken fallen zu lassen und offen und ehrlich zu kommunizieren. „Nur dadurch können wir Foto: UweMann unsere versteckten Potenziale entfalten. Die Hauptarbeit ist das Menschliche“, ist der Unternehmenschefüberzeugt. Begründer der Idee von „New Work“ ist der Sozialphilosoph Professor Frithjof Bergmann. Der 1930 in Sachsen geborene Bergmann beschäftigte sich mit der philosophischen Frage nach der Freiheit des Menschen. Nichts schien aus seiner Sicht den Menschen jedoch unfreier zu machen als die Arbeit. Mit dem Projekt „New Work“ fand Bergmann schließlich eine praktische Verwirklichung seiner theoretischen Überlegungen. Der Philosoph Bergmann ging davon aus, dass das bisherige Job-System am Ende ist. DieAutomatisierung führt immer mehr dazu, dass die Menschen sich mit der Frage konfrontiert sehen: „Waswillst du in Zukunft im Arbeitsleben machen?“ Martin Fenzl, Sohn eines Tischlermeisters aus Johanngeorgenstadt, wusste, was er in seinem Arbeitsleben machen wollte. „Ich habe den Unternehmerdrang in mir“, charakterisiert er sich selbst. Sein 2005 gegründetes Unternehmen veredelte anfangs Computergehäuse und Tastaturen, später die Kaffeemaschinen des Schweizer Herstellers Jura. Vor vier Jahren gelang es, Aufträge aus der Automobilindustrie zu bekommen. Und der erste Kunde war nicht irgendein Unternehmen, es war Rolls-Royce. Der Hersteller von Nobelkarossen ist immer noch dergrößte Kunde,aberauchBMW,Daimler, Bentley und Volvo gehören zur Kundschaft. „Wir haben denSprung zumautomobilen Serienlieferanten geschafft, der nunmehr Produkte direkt ans Band liefert“, sagt Fenzl. Testa Motari entwickelt innovative Lösungen für Fahrzeuginterieur, komplexe Baugruppen und individuelle Sonderausstattungen und stellt diese von der Kleinserie bis zurGroßserie her. Im vergangenen Jahr erzielte Testa Motari nach eigenen Angaben einen Umsatz vonmehr als siebenMillionen Euro. ZweitesStandbein geplant In diesem Frühjahr bekam das Unternehmen auch den Stillstand inder Automobilindustrie zu spüren, einige Mitarbeiter mussten in Kurzarbeit gehen. Fenzl sieht das nicht dramatisch: „Ich war fast dankbar für die Pause“, sagt er. Einen Einbruch befürchtet er nicht. „Wir haben eine sehr guteAuftragslageund derzeit viele neue Anfragen“, versichert der Geschäftsführer. Vor Kurzem hat das Unternehmen das alte Schulgebäude in Johanngeorgenstadt erworben, um dort Produktion, Ausstellung und Büros zu konzentrieren. Insgesamt sollen rund 1,5 Millionen Euro in das Schulhaus investiert werden. „Wir haben dann ein Firmengebäude mit angeschlossener Turnhalle und Fußballplatz“, sieht Fenzl auch neue Möglichkeiten für die Fitness seiner Mitarbeiter. Zwar will Testa Motari das Automobilgeschäft weiter ausbauen, nachgedacht wird aber auch über ein zweites Standbein mit neuen Produkten, die nachhaltig und ökologisch sein sollen. Die Ideen dazu werden nicht zuletzt in täglichen kreativen Morgenrunden gesammelt. „Wir sprechen voll transparent darüber, wieunser Unternehmendasteht undwas wirvorhaben“, erklärt Fenzl den täglichenStart ins„NewWork“. (fp) ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● © fauxels – pexels.com Förderung nutzen und profitieren: Bildungsgutschein oder neues Aufstiegs-BAföG oder Weiterbildungsscheck Beruflicher Aufstieg zahlt sich aus als Geprüfter Wirtschaftsfachwirt |ab03.08.2020 als Geprüfter Betriebswirt |ab10.08.2020 als Geprüfter Logistikmeister |ab31.08.2020 als Geprüfter Technischer Fachwirt |ab08.09.2020 als Geprüfter Industriefachwirt |ab09.09.2020 als Geprüfter Fachwirt im Gesundheitsund Sozialwesen |ab14.09.2020 als Geprüfter Technischer Betriebswirt |ab18.09.2020 als Geprüfter Bilanzbuchhalter |ab21.09.2020 www.bildungszentrum-dresden.de ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● Ein Preisfür Sachsens Unternehmer DerWirtschaftspreis „Sachsens Unternehmer des Jahres“ wurde 2020zum 15.Mal vergeben. Dievon Künstlerin MalgorzataChodakowska gestalteteStatue gingandie Appsfactoryaus Leipzig. Auf den Plätzen2und 3folgendie Backhaus Hennig GmbH ausZwenkauund die Agrartechnik Vertrieb GmbH ausEbersbach. In derJurysaßen: CarstenDietmann, Geschäftsführer DDVMediengruppeGmbH&Co. KG;Andreas Dunte,Wirtschaftsredakteur Leipziger Verlags- und Druckereigesellschaft mbH&Co.KG; Dr. Stefan Knupfer,stellvertretender Vorsitzenderdes Vorstandes AOKPLUS; Dr. CarstenKrebs, LeitungUnternehmenskommunikationVWSachsen GmbH; Peter Kröger,Direktor Bereichsleiter UnternehmenskundenLBBW; Dr.Margitta Markert, Director CorporateTax Service KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft;Ines Meinhardt,Leiterin derRedaktion Soziales, Wirtschaft, Talk MDR Sachsen;Michael Rothe,Wirtschaftsredakteur Sächsische Zeitung;Björn Steigert, Geschäftsführer LeipzigerVerlagsund DruckereigesellschaftmbH &Co. KG; Dr.Michael Tillian, Geschäftsführer ChemnitzerVerlag undDruck GmbH & Co.KG; Christoph Ulrich, ChefkorrespondentWirtschaft/Politik FreiePresse. Der Wirtschaftspreis „Sachsens Unternehmer desJahres“ist eineInitiative vonSächsischerZeitung, Freier Presse,Leipziger Volkszeitungund MDR sowievon Volkswagen Sachsen,der Wirtschaftsprüfungs-und Steuerberatungsgesellschaft PwC, der LBBW undder Gesundheitskasse AOKPlus. www.unternehmerpreis.de ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ● ●

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Im Portfolio der Agentur finden sich inzwischen über 90 Kunden der Bereiche Medien, Automotive und Finanzen, eCommerce sowie Bildung, Gesundheit, Reise und Telekommunikation, darunter namhafte Firmen wie Mercedes, die Tagesschau, FAZ, Samsung oderder MDR. „Das Schöne daran ist, die Kunden halten unszumeistdie Treue“,meint Alexander Trommen, der die Firma 2009 zusammen mit Roman Belter und Rolf Kluge gegründethat. Dass der heute 52-jährige Münchner auf die beiden Leipziger IT- Spezialisten gestoßen ist, verdankt das Gespann einem gemeinsamen Freund. Der Mitgründer des Jenaer Softwareanbieters Intershop, RolandFassauer,brachte diedrei zusammen. Da hatten die beiden Leipziger bereits ihre erste Entwicklung auf dem Markt, die für Laufanfänger bis Marathonläufer interessante Tracking-App Smartrunner. „Wir standen vor der Frage, wie geht es weiter. Bauen wir das Tracking-Geschäft aus, was ohne fremdesKapitalnicht ging, da zahlreiche Nachahmer auf den Markt drängten. Daraufhin entschlossen wir uns, die FirmainLeipzig zu gründen“, erzählt Belter, der Kluge nicht nur seit Kindheitstagen kennt, sondern mit ihm auch Wirtschaftsinformatik in Leipzig studiert und wie sein Freund auf dem Gebiet später promoviert hat. 2011 entschloss man sich bei Appsfactory, nicht nur auf Smartrunner zu setzen, sondern lieber viele verschiedene Apps für Unternehmen zu bauen. In Trommen fand man genau den richtigen Mann für den Aufbau einer Agentur zur Entwicklung und Vermarktung von mobilen Ap- „Nebeneinem angemessenenGehaltzählt fürdie Mitarbeiter auch, dass wiruns beiProblemen nichtwegducken.“ Dr. Roman Belter, Dr. Rolf Kluge und Dr. Alexander Trommen (v.l.) von der Appsfactory GmbH haben den Sächsischen Unternehmerpreis erhalten. plikationen. Der Münchner ist promovierter Betriebswirtschaftler undGründer der Minick-Gruppe (später Swisscom) – bringt also ausreichend Erfahrung unter anderemimMobile Marketingmit.Appsfactory sei ein gutes Beispiel dafür, dass Ossis und Wessis in der Führungsetage harmonieren können. „Ich kenne einige hervorragende Agenturen aus den neuen Ländern, die gescheitert sind, weil ihnen die überregionalen Kontakte gefehlt haben. Ein Schicksal, das sie mit Agenturen im Westen teilen, denen schlicht das Know-how fehlt.“ Womit Trommen zwei der Vorteile von Appsfactory aufzählt. Ein weiterer ist, dass die drei Gründer weitgehend darauf verzichten, ihr Wachstum durch Kredite oder Investoren zu finanzieren. Zu90Prozent gehören ihnen die Anteile amUnternehmen. Sie allein also haben das Sagen. Das Wachstum, das Appsfactory hinlegt, ist atemberaubend. 2009gestartet, hatte dieFirma zwei Jahre später bereits 22 Mitarbeiter. Heute sind es 220anvierStandorten –neben Leipzig in Hamburg,Erfurt undMünchen. Weitere sollen folgen. Die Räume inder Leipziger Nikolaistraße reichen schon jetzt nicht, deshalb zieht die Firma in den Bürokomplex Stadtfenster gegenüber der Thomas-Kirche. Vorerst ist an eine Verdoppelung derBürofläche gedacht. 600 Applikationen hat das junge Team bis heute entwickelt. „Jährlich sind es 50 bis 60“, sagt Trommen. Und er hat gleich noch einige Fakten und Zahlen parat. Im Ranking der Internetagenturen von iBusiness rückte Appsfactory imVorjahr von Rang 39 auf 31 vor. Die Agentur erzielte zudem den vierten Rang im Subranking der am schnellsten wachsenden Agenturen (über 2,5 Millionen Euro Jahresumsatz). „Hört sich ziemlich glatt an. Ist aber hart erkämpft.“ Trommen holt tief Luft undnennteinen Rückschlag,der besonders weh tat, wie ersagt. So haben die Leipziger einen grafischen Taschenrechner für einen Schulbuchverlag entwickelt. „Die Idee war, dass jeder Schüler mit dem Handy seine Schulaufgaben lösen kann. Nur den Aufwand haben wir vielzuniedrig angesetzt“,sagtder Leipziger Kluge. Letztlich dauerte die Entwicklung nicht nur deutlich länger, sie spielte auch erheblichen Verlust ein. Kluge fügt an: „Bei etwa jedem zehnten Projekt verkalkulieren wir uns und zahlen letztlich drauf.“ Bei individualisierter Software sei dasnichtunüblich.Esgebeaber kein Projekt, dasman nichtzuEndebringe. Das schnelle Wachstum stellt die Firma vor große Herausforderungen. Allein in diesem Jahr wolle man 100 neue Leute einstellen. Natürlich könne man auch nach Indien oder in andere Länder Aufgaben auslagern. „Wir definieren uns aber durch unseren engen Kontakt zum Auftraggeber und der laufenden Abstimmung in der Entwicklungsphase“, so Trommen. Das ginge nur mit festen Mitarbeitern, die sich „durch und durch mit Appsfactory identifizieren“. Nur so komme man zuinnovativen Features. Als Beispiel nennt ereine Funktion bei der App für den Sternekoch Alfons Schuhbeck, die esBenutzern ermöglicht, Freunde direkt aus der Koch-App heraus mit bebildertem Menü per Mail einzuladen. „Dieses Feature hatte vorher keine andere Rezepte-App.“ Angesichts des schnellen Wachstums sei das Klima im Unternehmen wichtig. Foto: RonaldBonss Im Büro gibt es Rückzugsbereiche, in einigen Eckenstehen Sofas undSessel. Wer den Kopf frei kriegenwill, kann Tischtennis spielen oder mit anderen auf der Terrasse grillen. Das allein sei es aber nicht, weshalb die Fluktuation extrem gering ist. „Neben einem angemessenen Gehalt zählt für unsere Mitarbeiter auch, dass wir uns bei Problemen nicht wegducken“, sagt Belter. Als die Mutter eines Kollegen aus Spanien an Covid-19 erkrankte, sei es selbstverständlich gewesen, dass er von seiner Heimat aus arbeiten und sie pflegen konnte. „Statt der geplanten zwei Wochen wurden vier daraus.Das muss gehenund ging.“ Bei Appsfactory arbeiten Ukrainer, Weißrussen, Brasilianer, Albaner, Polen, Mexikaner, Russen oder Tschechen. Angesichts von Mitarbeitern aus 27 Nationen verwundert nicht, dass inder Firma Englisch gesprochen wird. Trommen erzählt von der Wohnung über den Büroräumen, wo neue Mitarbeiter aus dem Ausland solange wohnen können, bis sie etwas Eigenes gefunden haben. Von solchen Übergangswohnungen braucht man bald mehr. Schon 2023 sollen bei Appsfactory bis zu 500 Mitarbeiter beschäftigt sein. Der Kick fürs Rezept Sachsens bestes Start-up verbessert die Arzneimittel-Abrechnung. Von Andreas Dunte I m Wettbewerb zu „Sachsens Unternehmer des Jahres“ hat die Dresdner Scanacs GmbHden Sonderpreis „Sachsen gründet –Start-up 2020“ gewonnen. Die junge Firma konnte das Publikum in der Online-Abstimmung ambesten mit ihrer Geschäftsidee überzeugen und darf sich nunüber60.000 Euro Medialeistungfreuen. Der Sonderpreis soll dem Unternehmen beim Start zu mehr Öffentlichkeit verhelfen. In denvergangenenJahrenwurdeder Gründerpreis vom Publikum der Preisgala des Wettbewerbs „Sachsens Unterneh- mer des Jahres“ gewählt. Zuvor hatten die Finalisten drei Minuten Zeit, ihre Geschäftsidee dem Galapublikum vorzustellen – Pitch nennt sich das Verfahren. Doch die Corona-Krise hat dem einen Strich durch die Rechnung gemacht. Keine Gala, also auch kein Pitch. Aus diesem Grund wurde erstmals per Online-Voting abgestimmt. Eine Woche lang hatte das Publikum die Möglichkeit, sich für einen der vier Finalisten zu entscheiden. Die jungen Unternehmer hatten jeweils 90 Sekunden Zeit, umdas Publikum im Internet per Videobotschaft zuüberzeugen. Die Dresdner Firma Scanacs holte den Sieg vor madebymade, FlyNex und Frank Böhme ist Geschäftsführer der Scanacs GmbH. Foto:PR Supratix. Die Scanacs GmbH will die Abrechnung im Gesundheitswesen durch moderne IT-Technik vereinfachen. Derzeit stellt sich immer noch die Frage: Erstattet die Krankenkasse das verschriebene und inder Apotheke abgeholte Medikament oder nicht? Die Klärung dieser Frage zieht sich derzeit mehr als zwölf Monate hin –bei rund 750 Millionen Arzneimittelverordnungen pro Jahr. „Damit machen wir Schluss“, sagt Frank Böhme, Geschäftsführer der Dresdner Scanacs GmbH. „Wir haben einen der aufwendigsten und teuersten Prozesse imdeutschen Gesundheitswesen digitalisiert. Dieser lange Abrechnungs- und Prüfprozess kostet aufseiten der Apotheken jährlich rund 100 Millionen Euro, aufseiten derKrankenkassen rund 50 Millionen Euro“, so Böhme. „Wir beschleunigen alles undsenken dadurchdie Kosten.“Scanacs hat dazu eine digitale Plattform entwickelt, die mit den etablierten Apotheken- Softwares kompatibel ist und esermöglicht, ärztliche Verordnungen in Echtzeit bei der Arzneimittelabgabe auf ihre Erstattungsfähigkeit hin zu prüfen. So erhalten Apotheker, Krankenkassen und Patienten bereits vor Abgabe des Medikaments Klarheit. Apotheker und Krankenkassenmitarbeiter können zudem über ein Ticketsystem direkt miteinander kommunizieren. „Wir ersparen Patienten unnötige Wege und entlasten Apotheken und Krankenkassen in ihrer täglichen Arbeit, was ihnen wiederum mehr Zeit für ihre Patienten verschafft“, sagt der Scanacs-Chef. Erste Erfolge kann das 20-köpfige Team umBöhme bereits feiern: Krankenkassen wie die AOK Plus, Barmer, Techniker Krankenkasse, hkk sowie die Siemens BKKsetzen auf die Plattform, und auch imApothekenmarkt gibt es Kooperationen. Böhmes Ziel: „In diesem Jahr möchten wir mindestens 50 Prozent der Apotheken und 75Prozent der gesetzlich Versicherten für uns gewinnen.“

Sächsische Zeitung und Sächsische.de

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