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Wirtschaft in Sachsen Herbst 2020

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Und die Geschichte erzählt sich, als wären jede Menge Zufälle imSpiel. Doch Sara Linke glaubt nicht an Zufälle. „Das hat schon alles seinen Sinn, was passieren soll, das passiert auch.“ Passiert ist folgendes: Insolvenzverwalter Reinhard Klose fand zunächst keinen geeigneten Käufer für die insolvente Roland Sauer GmbH, ein TextilunternehmeninHohenstein-Ernstthal, nur einen sehr interessierten Unternehmer aus Ulm, dem aber ein geeigneter Partner für einen Standort in Sachsen fehlte. Klose erzählte einem Freund von der Situation. Der wiederum ist ein Freund der Familie Linke und wusste, dass Tochter Sara Modedesignerin und sehr heimatverbunden ist. Obsie diese geeignete Partnerin werden könnte?Der Kontakt wurdehergestellt. „Aber Sara Linke saß da eigentlich sehr glücklich in Münchberg bei ihrem neuen Job“, erzählt sie selbst. ImAtelier „Goldener Schnitt“ hatte sie gerade alles, was sie sich gewünscht hatte: Anerkennung, ein gutes Gehalt, tolle Kollegen und einen großen Verantwortungsbereich. „Ich binnachHohenstein-Ernstthal gefahren mit der Hoffnung, dass essoist wie manchmal beim Shoppen: Hoffentlich passen die Sachen nicht, damit ich nicht so viel Geld ausgebe.“ Doch dann hat es ihr eben doch gefallen. Sehr sogar. Sofort sprang ihr das Potential des kleinen Textilbetriebs insAuge. Seit knapp vier Monaten ist sie nun Geschäftsführende Gesellschafterin der Sara Linke GmbH, sie hat nicht nur den Produktionsstandort, sondern auch die Traditionsmarken Jado und Graziella übernommen. Sara Linke hat einen Lagerverkauf organisiert und eine Kollektion entworfen, mit dem der enorme Bestand anStoffen verringert werden soll. Dafür hat sie die ambesten funktionierenden Stücke aus dem Bestand genommen, andere mit leicht verändertem Schnitt,angeschnittenen Ärmeln undanderen kleinen, aber die Modelle erstaunlich effektiv aufwertenden Hinguckern ausgestattet–auch das istNachhaltigkeit. Ende September haben Models während der Fashion Night in Zwickau diese Kollektionvorgestellt. Die Kontakte zu Versand-und Einzelhändlern, von denen einige bereits abgesprungen war, hat sie erneuert, es gilt, ehemalige Großkunden wieder- und neue hinzu zugewinnen. Drei Websites gilt es umzugestalten bzw. ganz neu zu entwickeln, die Dachmarke Sara Linke, vor allem aber Jado und Graziella, die beiden Wäschemarken, die sie unbedingt weiterführen will. Jado will sie etablieren als Marke für an- Einneuer Kollektionsplan istbereits erstellt,der erste Online-Shop soll demnächst funktionieren. Junge Frau mit Blick fürs Besondere: Sara Linke will mit einem Textil-Traditionsunternehmen aus Hohenstein-Ernstthal durchstarten. Neuer Schwung in alten Hallen: In den Räumen der insolventen Roland Sauer GmbH wird nach verändertem Konzept gearbeitet. spruchsvolle, qualitätsbewusste Kunden. Zur ehemals reinen Männerlinie hat sie nun auch Damenmode entworfen, die Unter- und Nachtwäsche mit Funktionsunterwäsche fürs Skifahren und andere Outdoorsportgelegenheiten erweitert. Die Farben sind freundlicher, die Modelle im bestenSinnezeitlos. Ein neuerKollektionsplan ist bereits erstellt, der erste Online-Shop soll demnächst funktionieren. Graziella hat eine jahrzehntelange Tradition. Mit echter Begeisterung blättert Sara Linke inKatalogen aus den 80er Jahren. „Drei Frauen haben Graziella in Burgstädt gegründet. Und ich finde, die hatten echt super Ideen,einigeder Sachen könnte man doch heute fast genauso tragen!“ Mansieht,wie es ihrförmlich in den Fingern juckt, auch dort sofort Hand anzulegen, aber ihr ist klar, dass es für Graziella wohl noch einige Zeit braucht,bis sie dieMarke, diesie im mittleren Preissegment für „Best-Ager“ ansiedeln will, nach ihren Vorstellungen überarbeitet hat. „Zu schnell darf man das auch nicht machen, umdie Kunden, die wirjanoch haben, nicht zu verprellen.“ Obwohl sie noch so jung ist, lässt sich mit Recht sagen, dass ihre bisherigen beruflichen Stationen sie geradezu perfekt auf ihre neue Riesenaufgabe vorbereitet haben.Zufall? Gibtesfür siejanicht.Was sie einmal werden wollte, wusste Sara Linke schon seit dem Kindergarten. An der Fachhochschule für Angewandte Kunst Schneeberg studierte sie Modedesign, ein halbes Jahr arbeitete sie inParis bei einem kleinen Designerlabel. Gleich nach dem Studium begann sie in einem Unternehmen, das direkt aus der Insolvenz kam und erlebte dabei hautnah, welche Herausforderungen eine solche Umbruchsituation für alle mit sich bringt, etwa die Hälfte der Belegschaft mussteabgebautwerden. Gleichzeitig bekam sie viele Aufgaben, lernte weit mehr als „nur“ an den Kollektionen zu arbeiten – das meiste durch Learning by doing. „Und dann wollte ich wissen, wie man es richtig macht, denn vielleicht habe ich es ja eben nicht optimal gemacht auf Messen, im Kundenkontakt und all sowas“. Also wechselte sie zuS.Oliver, auch diese Erfahrung möchte sie nicht missen, allerdings kam sie sich bald zu sehr vor wie eine kleine Nummer in einem sehr großen Getriebe. Dann warb sie ein Headhunter ab fürden „Goldenen Schnitt“. Bis ebenwieder das Telefon klingelte undsie wieder in ihre Heimat brachte. Sie musste keine Entscheidungsliste aufschreiben, um sich das Dafür und Dagegen vor Augen zu halten. „Dagegen sprachen eigentlich nur meine Bequemlichkeitund die Angstvor der Verantwortung. Aber dann hab ich mir gesagt, dass es doch genau das ist, was ich selber immer bemängelt habe: dass es hier keine Arbeitsplätze gibt, ich musste ja auch weggehen. Ich bin nun mal heimatverbunden. Und eskann doch nicht sein, dass Kleidung nur noch inAsien hergestellt wird!“ An diesem Punkt kann sie sich in Rage reden. „Sogar Bruno Banani produziert nicht mehr hier!“ Was sie dann doch gleich beim ersten Besuch überzeugthat? „Die Mitarbeiter“,antwortet sie sofort wie aus der Pistole geschossen. „Die Betriebszugehörigkeiten, das muss man sich mal vorstellen! Manche sind seit der Firmengründung von Jano mit dabei, 1992. In diesem Jahr bin ich geboren worden!“ Und diesen Mitarbeiterinnen muss Sara Linke nun Anweisungen geben, muss ihre Meinung durchsetzen, auch gegen das Argument, dass „wir Fotos: PR das doch schon immer so gemacht haben!“Leichtist dasnicht immer, aberLinke sprüht förmlich vor Tatendrang und großer Freudeanihrer Arbeit. Manchmal bedauert sie, dass der Tag nur begrenzt viele Stunden hat. Sie hat noch soviel vor: Das Augenmerk auf hier vor Ort genähte Kleidung zustärken, die aus fair produzierten Stoffen gefertigt ist, einen so regional wie möglichen Produktionskreislauf zu organisieren –die Kartonverpackungen für die Jado-Kollektion kommen aus einem Werk, das nur fünf Autominuten entfernt ist –all das und noch viel mehr möchte sie lieber heute als morgen wuppen. Aus den elf Mitarbeitern sind schon zwölf geworden, demnächst kommen zwei Azubis dazu. Im Oktober eröffnet sie für zwei Monate einen Pop-Up-Store in Zwickau, außerdem hatsie einen Dealmit derIndie-Band Fortuna Ehrenfeld, deren Frontmann Martin Bechler auf Konzerten immer imSchlafanzug auftritt. Künftig werden nun alle drei Bandmitglieder in Jado-Schlafanzügenauf der Bühnestehen. Und was ist mit dem Traum einer eigenen Kollektion? „Ich bin optimistisch, aber auch realistisch“, sagt die Modedesignerin. „Das ist gerade nicht dran. Dafürabersovieles anderes!“

Sächsische Zeitung und Sächsische.de

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