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Wirtschaft in Sachsen Frühjahr 2021

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24 GESCHÄFTE &MÄRKTE

24 GESCHÄFTE &MÄRKTE LEHMANNSKEULE Let`s dance-Ein gnadenloser Maskenball Ein satirischer Blick auf denaktuellenMaskenfrust. Während Ende Februar der SemperOpernball Pandemiebedingt abgesagt werden musste, spielt sich seit einigen Wochen auf dem bundespolitischen Parkett eine ganz andere Art von Maskenball ab. Ein Politiker nach dem nächsten stolpert überdie Maskenaffäre undmuss den(Plenar-) Saal verlassen. Es geht zu wie bei „Let`s dance“. Markus Söder und Armin Laschet sitzen in der Jury und ahnden gnadenlos jeden moralischen Fehltritt der Parteikollegen: „Du bist raus!“ Und dennoch:CDU/CSUhaben –mal wieder – ein Glaubwürdigkeitsproblem, weil sich einzelne Parteimitglieder anstellen wie strauchelnde Laufsteg-Kandidatinnen in Heidi Klums Topmodell-Show. Wer wird der Nächste sein, fragt man sich in der Partei, ähnlich wie die Zuschauer von „The Masked Singer“. Werwird die Maske abnehmen müssen, umein Lied von fragwürdigen Deals und Bereicherung durch Provisionen zu singen? Es braucht gar kein YouTube-Video von Rezo mehr, um die CDU zu zerstören. Die Union demaskiert sich mit der „Maskenaffäre“ mittlerweile selbst. Was früher ein Skandälchen unter vielen anderen gewesen wäre, wiegt in Zeiten von Corona und im Superwahljahr schon etwas schwerer undhat mehr alsnur ein „Geschmäckle“. Wasfür eine Rendite! Auch der Gesundheitsminister, Jens Spahn, bekommt –neben Impf- und Testdebakel –aufgrund der kostenlosen FFP2- Masken-Vergabe über die Apotheken nun kräftig Ärger. Denn die Apotheken haben sich durch die Abgabe der Masken gegen Bundes-Coupons anRentner und andere Berechtigte dumm und dämlich verdient. Einkaufspreisen der Masken umdie 1,20 Euro pro Stück stand ein Erstattungspreis des Bundes von 6,- Euro pro Maske gegenüber. Wasfür eine Rendite! Sowas wäre sonst nur mit Drogenhandel oder Waffengeschäften machbar gewesen. Aber das Beste kommtnoch:ImZugeder Verteilaktion derMaskengab es drei Phasen von Erstattungszahlungen. Phase eins im Dezember: Der Apothekerverband erhielt pauschal491,4 Millionen Euro Bundesmittel. Diese wurden dann andie Apotheken verteilt, egal wie viele Masken verkauft wurden. Im Schnitt gab es mehr als 25.000,- Euro für jede Apotheke in Deutschland. Das nenne ich mal ein üppiges Weihnachtsgeld ohne jegliche Gegenleistung! In Phase zwei und drei gab es Masken gegen Gutscheine der Krankenkassen, die man inder Apotheke einlösen konnte. Druckkosten der fälschungssicheren Gutscheine durch die Bundesdruckerei: Rund 9,3 Millionen Euro. Für dieses Geld hätte man vielen benachteiligten Eltern unter die Arme greifen können, die oftnicht wussten, wie undwosie die zahlreichen Arbeitsblätterfürs Homeschooling ihrer Kinderausdrucken sollten. Aber gut, es stand jajeder alleinerziehenden Sozialhilfeempfängerin frei, noch schnell eine Apotheke zu eröffnen. Fazit:Mehr als zwei Milliarden Euro Steuerkosten für die FFP2-Masken aus der Apotheke, wie NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung berichteten. Es wäre wahrscheinlichgünstigergewesen, jedemBürger die Masken einzeln zuzusenden, inklusiveGeschenkpapier undSchleifchen. KabarettistErik Lehmann demaskiertschwarzeCorona-Schafe Letztendlich ist das aber keine neue Erkenntnis, sondern das Einmaleins des Kapitalismus. WeramEndeder Lieferkette –also im„Verkauf“ –steht, hat meistens gute Karten. Am anderen Ende, bei den Herstellern, sieht das schon ganz anders aus. Und da ist es egal, obman in einer Nähstube in Bangladesch sitzt, oder im Erzgebirge mit einer High-Tech-Maskenproduktionsanlage arbeitet, die zertifizierte FFP2-Masken –„made in saxony“ – vollautomatisiert und ohne manuelle Arbeitsschritte produziert. Der große Unterschied ist: Gegen billige, zollfreie Massenware aus Asien haben einheimische Produktekeine Chance. Immer denrichtigen Riecher Aber auch das ist logisch: Wenn der Staat enorme Summen an Steuergeldern für überbürokratische Verteilaktionen und Erstattungszahlungen ausgibt, muss dann auf preisgünstige Importe aus China zurückgegriffenwerden.Auchanfänglich in Aussicht gestellte Fördergelder und Investitionszuschüsse für den sächsischen Mittelstand sind dann natürlich nicht mehr drin. Schade eigentlich, denn gerade wir Sachsen waren schon immer erfinderisch und geschäftstüchtig. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass in Sachen Pandemievorsorge die Sachsen schon immer den richtigen Riecher hatten. Weil zu Beginn der CoronakriseMasken noch absolute Mangelware waren, hieß das Motto: „Do it yourself“. Und schnell kursierten die tollsten Ideen in den sozialen Netzwerken. Jeder erinnert sich noch schmunzelnd andie Bilder mit dem BH (erfunden 1899 von einer Dresdnerin) als Duo-Maske für Pärchen. Auch die Kaffee-Filtertüte (1908 ebenfalls von einer Dresdnerin erfunden) wurde in vielen Bastelanleitungen vorgeschlagen. Im Laufe der Pandemie hieß es bald, Mundwasser (erfunden 1892 in Dresden) helfe am besten gegen Viren. Drei Dresdner Erfindungen also, wie für Corona gemacht. Das Gute an den frühen, selbstgenähten Masken war übrigens ihre Umweltfreundlichkeit.Denn sie waren nach dem Tragen waschbar und sowiederverwendbar. Aber ohne die Trommelwaschmaschine(1902 in Schwarzenberg erfunden) wären die Massen an Stoffmasken nie so schnell wieder einsatzbereit gewesen.Dazu passt natürlich auch das vollsynthetische Feinwaschmittel, welches 1932 in Chemnitz erfunden wurde. Und, für die Kühlung der Impfstoffe, eine Erfindung, die wir nicht mehr missen wollen: Der FCKW-freie Kühlschrank (erfunden 1993 in Scharfenstein). Baldals Infotainment? Für alle Impfgegner und Naturheilkundler, um einmal für Ausgleich zu sorgen, soll natürlich keinesfalls die Erfindung des Teebeutels (1929 in Dresden) für die Einnahme von Kräutertees bei ersten Erkältungsanzeichen unerwähnt bleiben. Und –wie von der Querdenker-Fraktion oft moniert –das Verbreiten von Propaganda durch Mainstream-Medien, aufgrund der Erfindung der Tageszeitung (1650 in Leipzig). Aber welches Kind möchte heute noch Erfinder werden, wenn man doch mit üppigen Vermittlungsprovisionen für Maskendeals vieleinfacher an einenHaufenGeldkommen kann. Vielleicht touren Nikolas Löbel, Georg Nüßlein, Alfred Sauter und Mark Hauptmann ja demnächst mit einer Infotainment-Show für Interessierte durch ausverkaufte Stadthallen(wenn’smal wieder möglich ist). Sie könnten ja, fürs gute Gewissen und zum moralischen Ausgleich, Freikarten für sächsische Mittelständler ausgeben. DerAutor • Erik Lehmann, Jahrgang 1984, istKabarettist, Autorund Imker • In derZeitzwischen2008 und 2017 warerEnsemblemitglieddes Dresdner Kabaretts „Herkuleskeule“ • www.knabarett.de • www.uwes-landhonig.de Foto:Robert Jentzsch

PERSONAL &FÜHRUNG 25 Digital Natives in die Firma holen Nichtnur dasArbeitenläuftderzeithäufig überdigitaleKanäle – auchdie Bewerbung füreinenneuen JobodereineAusbildung. Dazu gibtesein neuesToolaus Dresden. Von Nora Miethke Ich war schon früher dafür bekannt, immer die schönsten Geburtstagstorten mitzubringen“, erzählt eine 24- jährige Konditorin von der Ottendorfer Mühlenbäckerei. Beim Büroausstatter Manig &Palme GmbH berichtet ein BA- Student, warum für ihn die Berufsausbildung bei Manig &Palme genau richtig war,„weil icheigene Projekteentwickeln und mich in speziellen Seminaren weiterbilden konnte“. Bei der Heizungs- und Klimatechnikfirma Brockmann Klima GmbH führt der Chef David Brockmann persönlich durch die kürzlich eingerichtete Azubiwerkstatt. Alle drei sind Protagonisten in interaktiven 360 °-Unternehmensrundgängen auf der Internetseite „scoud-ed.de“. Dahinter verbirgt sich ein neues Recruiting- Tool, entwickelt von der Dresdner Firma Intersyst GmbH, bekannt durch die Ausbildungskampagne „Onkel Sax“. Im Januar ist die Plattform gestartet, die Arbeitgeber undjunge Arbeitsuchende zusammenbringen will, undzwarauf eine spielerische Art und Weise. „Wir bieten Recrutainment für die erfolgreiche Personalbeschaffung an–unabhängig von Ort, Zeit, Ressourcen, Plattformen und Geräten“, sagt Jana Simmat, Gründerin und Geschäftsführerin von Intersyst. Denn was tut die Instagram- und TikTok-Generation am liebsten – Kurzvideos schauen und spielen. Das kann sie nun auch bei der Lehrstellensuche oder beim Berufseinstieg nach der Uni. 20 Unternehmen nutzen derzeit dasStellenportal,siebenvon ihnen haben schon 360°-Rundgänge, und für weitere drei werden diese noch im März und April fertiggestellt werden. Weitere Rundgänge sindinVorbereitung, berichtet Simmat, die amTag zuvor bei einem der größten Lieferantenfür Kunststoffrohre in Europa zurVor-Ort-Besichtigung war. Sie und ihr siebenköpfiges Team haben im Mai 2019 mit der Entwicklung Wie funktioniert Recrutainment? Die Firma Schneider +Partner hat es mit dem Intersyst-Tool ausprobiert. von Scoud-Ed begonnen. Als sieesstarten wollten, brach Corona aus. „Tatsächlich haben wir uns im letzten Jahr Sorgen gemacht, obdas der richtige Zeitpunkt ist“, soSimmat. Viele Firmen hätten erst einmal abgewartet. Intersyst und die Partner Stadtkind 360 und Puls13 nutzten die Zeit, umdas Tool noch mit neuen Features zuverbessern. Doch seit Anfang dieses Jahres steigt die Nachfrage, nach dem Ausbildungsmessen wie etwa die Karriere Start abgesagt wurden. „Der Kunde hat bei uns die Möglichkeit, Einblicke indas Unternehmen zu geben, wo man ja nicht einfach mal klingeln kann, umreinzuschauen“, sagt Simmat. 360°-Rundgänge kenne man schon aus dem Immobilien- und Reisebereich. Für das Recruiting sei es aber noch vielseitiger einsetzbar, schwärmt die Ausbildungsexpertin. Auf welche Infos kommt es an, welche Einblicke sucht der Nachwuchs? Viele von ihnen wollen vor allem eine Vorstellung von der Unternehmensgröße bekommen. Manche mögen lieber kleinere Firmen, andere eher, wenn eseine „Fabrik“ ist. Für andere ist wieder ausschlaggebend für eine Bewerbung, ob es eine Kantine gibt. „Aber für alle ist wichtig, sich mit den Gegebenheiten vertraut zu machen. Die Generation Instagram &Tik- Tokwill wissen, mit wem sie eszutun hat“, so Simmel. Viele Unternehmen würden schon sehr viel machen, um das Wohlfühlklima am Arbeitsplatz zu verbessern, das sollten sie auch zeigen, findetdie Intersyst-Chefin. Fotos: PR DiegrößteHerausforderung,die es zu bewältigen gilt, um Personaler und junge digital Natives wirklich zusammenzubringen, ist die Aufbereitung der Informationen. EindigitalNative muss sie verstehen, und sie müssen im Kopf bleiben. Pure Fakten auf der Firmenwebseite seien viel zu langweilig. Junge Leute wollen animiert werden mitzumachen. Und wenn sie dann noch inKurzvideos andere Angestellte oder Abteilungsleiter kennenlernten,werde dasGanze vielgreifbarer als ein Foto auf der Internetseite, betont Simmat. Für diePersonaler bestünde die große Herausforderung darin, zu bestimmen, wer also der beste Botschafter oder Botschafterin für das Unternehmen sei und deshalb im Video zu sehen ist. Simmat hat die Erfahrung gemacht, dass viele Mitarbeiter begeistert anden Rundgängen mitwirken. „Unsere Produktionstage sind auch für die Angestellten ein Highlight“, sagt sie. Die Kunden bestätigen es. „Die Zusammenarbeit war sehr professionell, effizient undhat dazunoch Spaß gemacht“, heißt es beider Steuerberatung Schneider +Partner. Der Büroausstatter Manig & Palme war schon länger auf der Suche nach einer interaktiven Unternehmenspräsentation. Doch alle bisherigen Angebote verlangten zusätzliche, teure Software mitexternerIT-Leistung. Dasist bei Scout Ed nicht notwendig, und die Kunden können die Rundgänge auf all ihren Webseiten und Social Media-Kanälen einsetzen. Ab 3000 Euro Kosten ist ein einfacher virtueller Rundgang zu bekommen. Je mehr Videos und Quiz- Elemente eingebautwerden, desto teurer wird es. „Auch ist es hilfreich, wenn ich während eines Onlinegespräches gleichzeitig den potenziellenneuen Mitarbeiter durch das Unternehmen führen kann“, wirbt Simmat. WerhinterScoud Ed steckt Scoud Ed isteineMarke der Dresdner Beratungsagentur intersystGmbH, 2012 vonJana Simmatgegründet.Die Datenbankspezialistin wurdefürihre innovative Herangehensweiseandas Thema Berufsorientierung schonmehrfach ausgezeichnet, etwa mitdem „Ausbildungs-Ass in Gold“ E Die großeAngst vorder Pleite Die Corona-Krise hatdie Wirtschaft durchgerüttelt. Daswirkt sich auch aufdie Stimmung im Land aus. in Jahr Corona –die Pandemie hat viele Ängste geschürt, aber hier und da auch Hoffnungen geweckt. Deutschlands Wirtschaft ist imKrisenjahr 2020 um fünf Prozent geschrumpft. Das ist deutlich, aber weniger dramatisch als die Rezession in der Finanzkrise 2009. Mit welchen Erwartungen die Menschen die Arbeitsweltder Zukunftsehen,wollte die Unternehmensberatung von Rundstedt zu Jahresbeginnbei einer repräsentativen Umfrage unterübertausend Personen im Alter zwischen 18und 65 Jahren wissen. Das Ergebnis überrascht nicht allzu sehr: Die gesamtwirtschaftliche Lage wird überwiegend düster eingeschätzt: 70Prozent der Befragten glauben, dass die große Pleitewelle noch bevorsteht. Viele Deutsche gehen daher davon aus, dass dieCoronakrise starke Umwälzungenauf den Arbeitsmarkt mit sich bringen wird. Ältere Befragte ab 30 Jahren zeigen sich nach Auswertung der Umfrage deutlich skeptischerals ganz junge Leute.„Dies ist ein guter Zeitpunkt für Unternehmen und Führungskräfte, ihren Mitarbeitern Wie wird sie aussehen –die Arbeitswelt der Zukunft? Die Corona-Krise hat viele Ängste geweckt, aber auch Hoffnungen geschürt. Foto:Adobestock Perspektiven aufzuzeigen und für geeignete Qualifizierungsmaßnahmen zumotivieren, damitZukunftsangst die Produktivität nicht zusätzlich gefährdet“, sagt Christian Summa, Director Workforce Transformation bei Rundstedt. Zurück zur Normalität wird es nicht soschnell gehen. Fast 60 Prozent der Befragten glauben, dass man auch künftig mit dem Virus leben müsse –trotz zunehmender Impfprogramme. Sie sind der Meinung, dass ein grundsätzliches Umdenken in Wirtschaft und Politik notwendig sei. Frauen stimmen dieser Position dabei deutlich mehr zu als Männer, Befragte über30Jahrenhäufiger als jüngere Personengruppen. So finden zum Beispiel fast zwei Drittel der Deutschen, dass Lieferketten wieder regionaler aufgestellt werden sollten, um Sicherheit und Arbeitsplätze vor Ort zu schaffen sowie die Umweltzuentlasten. Besonderen Handlungsbedarf sehen die Befragten beim Bildungssystem. Fast drei Viertel fordern digitale Bildungskonzepte, die Arbeitnehmer entlasten und Kinder fördern. Am Arbeitsplatz hat sich Technologie hingegen mittlerweile vielerortsdurchgesetzt.Kaum einUnternehmen verzichtet heute noch auf virtuelle Kanäle. Das findet überwiegend Zustimmung. Wenn es um die Möglichkeiten der neuen Flexibilität geht, hellt sich das Stimmungsbild daher entsprechend auf. Fast zwei Drittel finden, Corona habe gezeigt,dassmehr Flexibilität im Arbeitsalltag funktioniert. Sie wünschen sich, dass Gleitzeit und Homeoffice seitens der Unternehmenkünftig dauerhaft gewährleistet werden. Zwei Drittel der Deutschen würde dabei gern die Vorteile von alter und neuer Arbeitswelt miteinander verbunden wissen.(WiS)

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