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Wirtschaft in Sachsen Frühjahr 2021

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22 GESCHÄFTE &MÄRKTE

22 GESCHÄFTE &MÄRKTE Genial Sächsisch Dasgeniale „Genial Sächsisch“:Essieht einfachaus,doch Zeitungpräsentiertmit dieseraufwendigen Serie schöneroderleichtermachen. Wir stellenhierdie ElfErfindungen • SuburbanSeafood PazifischeWeißbeingarnelen, gezüchtet aufdem Festland Lausitz. • Hybr-Games „Oldschool“ Karten-und Brettspielewerden digital neuerfunden. • Diafyt Die App, diedas Leben von Diabetikern digitalvereinfachenkann. • KaHaWa Personalisierter Kaffee aus dem Automaten, ganz egal, wo mansichbefindet. • Madebymade MitInsektenlarvenfürdie nachhaltige Futtermittel- Industrie vorOrt. • Audory In diesen interaktiven Hörbüchern bestimmt jeder die Story fürsich. • Energiekoppler Dasvirtuelle Kraftwerk für daseigene Heimmit dem privaten Stromverkauf. • Jasha-Cosmetic Neuartige reineNaturkosmetik aufdas Alterund den Hauttypabgestimmt. • In Harmony Diese Musik-App erzeugt sanfteKlängeund lässt den Tinnitus verschwinden. • DaVinciKitchen Dererste Roboter-Kochder Welt im Kioskformat bereitet frische Pastazu. • Corona-Buzzer Die Alternative zurCorona- Warn-Appals digitaler Schlüsselanhänger. Von Stephan Schön Tinnitus, Garnelen und vegane Naturkosmetik haben viele Gemeinsamkeiten.Sie stammen aus Sachsen, und es sind geniale Erfindungen. Nicht der Tinnitus an sich, aber wie er durch Melodien und Musik besänftigt wird. Auch die Garnele ist nicht unbedingt ein Patent aus Sachsen. Aber dass hier mitten auf dem Festland Lausitz Larven der pazifischen Weißbeingarnele gezüchtet werden, das hat viel mit Wissen und Wissenschaft zutun. Eine ausgeklügelte, gut temperierte Meerwasseranlage ist dafür die Voraussetzung. Die bisher ausschließliche Zucht der Larven in den USA undden Transport von dort nach Europa kann dies ersetzen. Das Gründerinnenteam von Jasha indes packt mit viel chemischem Wissen die geheim gehaltenenZutateninneuevegane Kosmetik. Der Top-Favorit ElfErfindungenaus Sachsen hat die Sächsische Zeitung in den vergangenen Wochen vorgestellt. Aufden erstenBlick einfache Dinge, aber mit viel Wissenschaft dahinter. Elf Start-ups mit Produkten, die unser Leben besser, schöner, leichter oder auch gesünder machen. Welche Erfindung ist Ihr Favorit? Die Leser von SZ und von Sächsische.de hatten die Wahl – undsie haben sich entschieden. Vonden hier vorgestellten Erfindungen und Firmen setzte sich schließlich die Tinnitus-App „In Harmony“ der Dresdner Tech & Life Solutions GmbH durch. Die DDV Mediengruppe, zu der die SZ gehört, stiftet dafür ein Media-Paket im Wert von 25.000 Euro. Anzeigen „Genial Sächsisch“ erhielt2020den Journalistenpreis derWissenschafts- Akademie Acatech. „Genial Sächsisch“, neue Erfindungen von hier. in Print und Online der gesamten Unternehmensgruppe kann das Dresdner Start-up nun indiesem Umfang nutzen. Für Tech &Life- Geschäftsführer Martin Spindler kommt diese kostenlose Werbung genau zum richtigen Zeitpunkt. „In Harmony“ will jetzt mehr denn je öffentlich werden. Eine klinische Studie an der Dresdner Uniklinik zudieser Tinnitus-Verdrängung läuft. Noch mehr Probanden werden nach den ersten richtig guten Testergebnissen nun für eine noch größere Studie gesucht. Und alles soll sehr schnell gehen. Start-ups habenniemals Zeit. Zum Jahresende soll „In Harmony“ als Medizinproduktzertifiziertsein, so dasZiel.Letztlich wäre die App, die die Gegengeräusche zum Tinnitus steuert, dann vielleicht auch schon auf Rezept erhältlich. „Wir Fotos: A.Müller/J.Lösel/R.Bonß/S.Willnow/A.Jungnickel/Jasha haben hier Unternehmensgründungen, die total vorzeigbar sind und auf der Höhe der Zeit“, sagt Professor Michael Schefczyk. Er ist Dekan der Wirtschaftswissenschaften an der TU Dresden und hat für die SZalle elf Projekte von „Genial Sächsisch“ bewertet. Dies sei ein Schaukasten gelungener sächsischer Start-ups. AlleErfindungen mitReports, Videos, Interviews und Statements: www.saechsische.de/genial W as soll es nurzum Essen geben?Gute Zutaten sind rar, der Krieg ist gerade zu Ende. Also nehmen die Köche das, was noch da ist: alten Käse, Rotwein, Blaubeeren und Gammelfleisch. Aber auch toxische Jeanshosen, Fellstiefel und Zinnsoldaten. Es soll ja keiner hungern. Alles wandert in den Fleischwolf –und wird zum farbigen Essensallerlei. Mal zu einer grünen Wurst, dann zum blauen Brei oder zu roten Teigtaschen. Keine Angst – wirklich verspeisen muss das niemand. Es ist das Spielkonzept von „Soviet Kitchen“, dem ersten Spiel des Dresdner Start-ups Hybr Games. Das Besondere: Die Spieler legen die Karten mit den ungewöhnlichen Zutaten nicht einfach nur ab, sie füttern eine Handy-App damit. Auf dessen Display dreht sich der Fleischwolf nämlichwirklich. Giftige Farben undböseDelfine Eineungewöhnliche Spielideesei es schon, gibt Spieleentwickler Andreas Wilde gern zu. Spiele zuentwickeln war schon immer sein Traum. Erstudierte aber zunächst Architektur, spezialisierte sich auf den Be- Neue Spielewelt Hybr-Games isteineandereArt zu spielen, mit Kartenund einerApp. Kurze Spielpause im kreativen Tun: Andreas Wilde und Milena Meißner beim Check der neuesten Hybr-Games-Kreation. reich Wissensarchitektur. Prozesse zu planen und zu gestalten, stand dabei im Mittelpunkt. Seine Diplomarbeit schreibt er überdas Thema Gamification,also denEinsatz spielerischer Elemente inBereichen, die originär nichts mit dem Spielen ansich zu tun haben. „Ich bin also automatisch in die Richtung gerutscht, die ich eigentlich machen wollte.“ Doch Hybr Games soll kein Verlag für normale Brett- und Kartenspiele werden. Wilde und seine Mitstreiter denken das Spielen neu. MitBart omiej Zalewskiund Jonas Kopcsek gehören heute neben der Marketing-Verantwortlichen Milena Meißner zwei Software-Experten zum Team. Innerhalb von neun Monaten entwickelten sie das Spiel damals. Seit Ende 2020 setzt Hybr Games auch Raumschiffe unter Wasser. Da erschien dasneueSpiel „Houston, we have a Dolphin“ über fiese Delfine, die einen Sternenkreuzer infiltrieren. Dass einige esskeptisch sehen könnten, dass sich der Spieleabend nun ums Handy rankt, ist Wilde bewusst. „Wir machen das Spielbrett dadurch aber schlauer. Und das bringtSpaß.“ (jam)

GESCHÄFTE &MÄRKTE 23 Erfinder-Finale dahinterstecktvielForschung. Die Sächsische elfErfindungenvon hier, diedas Lebenirgendwie besser, drei Top-Favoriten ausder Leserumfrage vor. D er Tonbleibt. Erist immer zuhören, am Tagund auch inder Nacht. Ein Piepen, Brummen oder Summen. Solche Ohrgeräusche, Tinnitus, kennen viele. Wie groß die Zahl der Betroffenen in Deutschland ist, dazu fehlen genaue Erhebungen. Einer Schätzung des Vereins Deutsche Tinnitus-Liga zufolge könnten es hierzulande etwa drei Millionen sein. Bisher gibt eskeine wirksame Therapie gegen den Tinnitus. DasDresdnerStart-up Tech &LifeSolutions GmbH jedoch hat eine Idee und Neuentwicklung. Dieist musikalisch. Der Pieptonist plötzlich weg Die Beatles singen „Hey Jude“. Kopf und Fuß wippen im Takt, wennPaul McCartney und seine Bandkollegen ihr minutenlanges „La-la-la“ anstimmen.Der PieptonimOhr – er ist plötzlich weg. „Also richtig weg ist er natürlich leider nicht“, sagt Martin Spindler. Vielmehr ist erimLied, in den Klängen der Band versteckt. „In Harmony“, soihr Name, macht den Tinnitus unhörbar, weil sie ihn mit gleichen Tönen imMusikstück überlagert. Für Betroffene eine Atempause, eine Ablenkungvon ihrem Leiden. Informatiker Martin Spindler und sein heutiger Mitgründer, Elektrotechniker Matthias Lippmann, arbeiteten ineiner interdisziplinären Forschungsgruppe an der TU Dresden aneiner Software zur Analyse und Therapie von Tinnitus. Am Ende entsteht der Prototyp eines Geräts, mit dem Nutzer zum einen ihren Tinnituston nachahmen können, und das im zweiten Schritt exakt diesen Ton in Musikstücke einbindet. Eigentlich ein Erfolg. Doch der damalige Industriepartner entscheidet sich gegen eine weitere Entwicklung zum marktfähigen Produkt. „Das war für uns hart zu sehen“, sagt Lippmann. „Bei Anwendertests waren die Tinnitus-Patienten begeistert und fragten uns natürlich, wann und wosie das Gerät kaufen können.“ Sie im Stich lassen? Das kam für die Dresdner nicht infrage. Sie entscheiden, einfach ein eigenes Unternehmen zu gründen. Statt in Hilfefür Tinnitus-Geplagte Der Gewinnerder Leserumfrage:InHarmony, diese Applässt lästige PfeiftöneimOhr verschwinden. Matthias Lippmann (l.) und Martin Spindler helfen Tinnitus-Betroffenen mit Musik. Fotos:ThomasKretschel (3) einem separaten Gerät soll das Können ihrer Software in eine App für Smartphones oder Tablets einfließen. ImJahr 2019 gründen sie ihre Firma. Ununterbrochen arbeiten sie seitdem an dem Algorithmus. „In Harmony“ heißt die Anwendung, die schon bald Tinnitus-Patienten helfen soll. „Im ersten Schritt müssen die Nutzer den Tinnitus-Ton anhand eines Referenztons in der App einstellen“, erklärt Spindler. Danach können sie die auf Handys oder Tablets gespeicherte Musik über die App abspielen. Die Software bettet die jeweilige Frequenz des Ohrgeräuschs harmonisch in die Musik ein. Vollkommen, ohne sie zu verzerren. In Harmony auf Rezept Tinnitus ist nicht gleich Tinnitus. Während manche einen gleichmäßigen Ton hören, wechselt die Höhe bei anderen, sind es zwei oder noch mehr Töne. Helfen kann „InHarmony“ im ersten Schritt erst einmal Menschen, die aneinem chronischen tonalen Tinnitus leiden. Deren Ohrgeräusch sich also in seiner Höhe nicht verändert. „Für Varianten, in denen es im Ohr rauscht, funktioniert unsere momentane Methode noch nicht“, fügt Lippmann hinzu. Das soll sich in Zukunft aber ändern. Ziel der Gründer ist es, auch eine Lösung für andereTinnitus-Varianten anzubieten. Ihre Ideen gehen noch weiter. Mit Anbietern von Musik-Streaming-Plattformen sprechen sie derzeit über die Möglichkeit einer Anbindung der App anderen Dienste. Dann müssten Nutzer die Lieder nicht mehr zwangsläufig auf ihrem Gerätgespeichert haben, um sie angepasst an ihre Bedürfnisse abspielen zu können. Eines steht aber jetzt schon fest: Die App soll ein anerkanntes Medizinprodukt und eine zertifizierte, digitale Gesundheitsanwendung werden. Letzteres ist erst seit Kurzem möglich. Der Weg dorthin ist jedoch aufwendig. Ist das geschafft, könnten Ärzte „In Harmony“ auch auf Rezept verordnen. S pätestens in drei Jahren möchte das Start-up Suburban Seafood Marktführer für Garnelenlarven in Europa sein. Neben den Larven will das Team dann auch selbst einige Tonnen verzehrfertige Garnelen pro Jahr ausliefern. Der Firmensitz im ostsächsischen Nebelschütz ist genauso außergewöhnlich wie die Geschäftsidee. Ineinem ehemaligen Schweinestall stehen die Becken, in denen man der pazifischen Weißbeingarnele beiihremLiebesleben zusehen kann. Fühlen sich die Tiere wohl, können dieWeibchen allezweibis vierWochenbefruchtet werden und laichen dann. Der Nachwuchs, wenige Millimeter kleine Larven, sind die Basis des Geschäftsmodells von Suburban Seafood,berichtet GeschäftsführerFriedrichTietze. Schön warm undsalzig Die Tiere lieben eswarm und salzig. Doch was einfach klingt, gestaltete sich bei der Umsetzung durchaus kompliziert, erklärt Roman Schwarz. Der Wirtschaftsingenieur und ehemaliger Gründungsberater gehört genauso wie derBiotechnologe Felix Kirsten Garnelenaus der Lausitz SuburbanSeafood ersetztmit seiner Zuchtanlage amerikanische Importe. Das Team von Friedrich Tietze hat die Zucht von Garnelenlarven vom Pazifik in die Lausitz geholt. zu dem dreiköpfigen Team. Mit mehreren Salzen habe mitexperimentiert und optimiert, erzählt Schwarz. Dabei gilt immer der Grundsatz: Weniger ist mehr. Die drei Gründer wollen nicht nurdie Zucht der Garnelenlarven nach Europa holen, um die Lieferwege kürzer zu machen. Dies soll auch dieTiere schonenund dieÖkobilanz verbessern. Und so arbeitet Suburban Seafood nicht mit herkömmlichen Reinigungsmethoden, bei denen sehr viel Frischwasser verbraucht wird. Stattdessen kommt Pilima zum Einsatz. Inder Langversion bedeutet dies Poly-Integrated-Low-Input-Marine-Aquaculture. Dabei filtern Algen und Würmer das Wasser und dienen zugleich als Nährstoffträger. Dieses Verfahren macht denEinsatz von Antibiotika überflüssig. Das natürliche Zuhause der Weißbeingarnele ist der Pazifik, wosie in Meerestiefen bis zu70Metern zu finden ist. Die optimale Wassertemperatur liegt bei 29Grad Celsius. Sie in Nebelschütz zuimitieren, ist relativ einfach. Schwerer ist es schon, den optimalen Mineralstoffgehalt konstant zu bieten. (imk)

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