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Wirtschaft in Sachsen Frühjahr 2021

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10 ENTSCHEIDER&KARRIERE

10 ENTSCHEIDER&KARRIERE „Diedrei schlimmsten Wochen meines Lebens“ DerUnternehmensberaterUwe Fanselow erkrankteschweranCovid-19.Der 53-Jährige erzählt, wie er die Zeit im Krankenhauserlebthat -und wie es ihmheutegeht. Von Ina Förster Wie beginnt man so eine Geschichte? Eine Geschichte zwischenTodesangstund Lebensbejahung, Verzweiflung und Hoffnung. In welcher der Protagonist zurückblickt auf Stunden, die eraus seiner Erinnerung streichen würde. Sie handelt von Drähten und Schläuchen, Beatmungsmasken und zerstochenen Venen. Von Tränen, ganz vielen. Von Fieberträumen undfragilenMomenten des Glücks. Uwe Fanselow möchte sie trotzdem erzählen. Der 53-Jährige aus Gersdorf bei Kamenz erkrankte Mitte Januar schwer an Covid-19. Drei Wochen lag er in der Dresdner Uni-Klinik, zwei davon auf der Intensivstation. Davor im Kamenzer Malteser Krankenhaus. Bereits nach den ersten Tagen macht er ein Foto von sich. Für ihn steht fest: Das Ganze ist sosurreal, dass er es festhalten muss, umesspäter verstehen zu können. Und die Fotos sind auch für seine Familie, die nicht bei ihm sein darf in den schlimmsten Wochen seines Lebens. „Für mich ist das Erzählen darüber ein heilsamer Prozess“, sagtUwe Fanselow. Doch zurück zum Anfang. Alles beginnt am 11. Januar mit einem Unwohlsein, das schnell Fahrt aufnimmt. „Ich hatte alle Krankheitssymptome, von denen man immer hört. Fieber, Schüttelfrost, leichte Probleme beim Luftholen“, erzählt Uwe Fanselow. Doch zwei Corona-Tests sind negativ. „Man hofft noch, dass es vorbeigeht.“ Uwe Fanselow hat keine bekannten Vorerkrankungen. Alles scheint sicher zu diesem Zeitpunkt. Sein Herz ist stark. Er soll sich ausruhen. Keine Belastungen, schön im Bett bleiben. Trotzdem verschlechtert sich sein Zustand rasant. Am 18. Januar sucht er erneut seine Hausärztin in Kamenz auf. „Ich musste mich fahren lassen, bin gekrochen wie ein alter Mann“, sagt er. Als die Ärztin ihn so sieht, steht schnell fest: ab ins Kamenzer Krankenhaus. Am Wochenende bekommt er immer schlechter Luft. Eine Lungenentzündung wird diagnostiziert. Sie ist atypisch, also nicht durch Bakterien verursacht. Mittlerweile ist das Fieber auf 40 Grad gestiegen. Uwe Fanselow braucht Sauerstoff. UndInfusionen. Die Hilflosigkeit wächst. Der dritte Test ist positiv. „Es war endlich klar, dass ich Coronahabe.Esberuhigt einen nicht, aber man kennt seinen Feind“, sagt der 53-Jährige. Weiße Flecken auf der Lunge. Zwei Tage später hat sich sein Gesundheitszustand so verschlechtert, dass er schnellstens nach Dresden ins Uni-Klinikum verlegt werden muss. Seine Lunge zeigt viele weiße Flecken inder Computertomografie (CT).„DieFarbe Weiß isteine ganz schlechte Farbe, wenn esumdie Lungegeht“,hat er gelernt. Viel gegoogelt habe erdamals. Auch wenn ihm Ärzte und Freunde gesagt hätten: Lass das! Doch so habe er bisher alles geregelt–nachhaken, Wissen horten, Lösungen suchen. Als Senior Manager und Prokurist bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG tut Uwe Fanselow genau „Hier durchkommen, kostees, wases wolle.“ Die Kur inBad Salzungen tut Uwe Fanselow gut. Mittlerweile ist erzwei Wochen dort, hat täglich ein volles Programm zu bewältigen. Schon jetzt wurde auf fünf bis sechs Wochen verlängert . Fotos: privat so etwas jeden Tag. Doch was imArbeitsalltag funktioniert, misslingt hier. „Corona treibt seineganzeigenen Blüten“,sagt derFamilienvater. Am20. Januar wird er im Rettungswagen nach Dresden gebracht. „Ich habe meiner Frau und meiner Tochter fest versprochen, dass ich wieder heimkomme“,erzählt er. Noch immer sitzt der Schock tief. Während er zurückdenkt, sieht er sofort wieder alles bildlich vor sich. „Das ist nicht leicht, aber wahrscheinlich nötig, um besser damitklarzukommen.“ Uwe Fanselow kommt auf die Intensivstation (ITS). 28 Betten sind zudieser Zeit voll belegt. Erwird sofort beatmet. Der Senior Manager lag zwei Wochen lang mit einer schweren Covid-19-Erkrankung auf der Intensivstation der Dresdner Uni-Klinik. Seine Überlebenschance lag bei unter 30 Prozent. Die sogenannte nicht invasive Beatmung unterstützt seine eigene Atmung. Sie stellt einen Überdruck her, der das Einatmen erleichtert und für den richtigen Druck beim Ausatmen sorgt. Praktisch sieht das soaus, dass Uwe Fanselow nun eine riesige Sauerstoffmaske trägt. Bei fortschreitender Besserung wird sie kleiner. Er wird in die sogenannteKrauler-Position gebettet. „Damit begannen die schlimmsten Tage meines Lebens“, sagt er.Indieser speziellenBauchlagewird die Lunge entlastet. Waseinfach und einleuchtend klingt, ist für einen Patienten bei vollem Bewusstsein schwer zumeistern. Fünf Tage und Nächte habe erfast kein Auge zugemacht. „Einfach aus Angst, nicht mehr aufzuwachen“, sagt Fanselow. Dasschwere Atmen und die Luftnot hätten sich manchmal wie Ertrinken angefühlt. Todesangstbegleitet ihn. „Auf so einer Station ist Aufgeben ein großes Thema. Viele der Erkrankten umdich herum sind verzweifelt. Das geht indie Richtung: Spielt mir einfach noch ein Lied und lasst mich dann sterben“, sagt Uwe Fanselow. Und dieses Sterben ist allgegenwärtig. Jeden Tag kommen Familienmitglieder von Mitpatienten, die esnicht geschafft haben, sichverabschieden. Er habe so oft esging geredet –mit Pflegepersonalund Ärzten, erzähltFanselow. Das habe gutgetan, aber auch deren Leid fühlbar gemacht. Per „Facetime“ auf seinem Smartphone kann er mit seiner Frau und der 23-jährigen Tochter sprechen. Er klammert sich andas Prinzip Hoffnung. Doch dieses Gefühl „Was kommt noch alles?“ bleibt. Und die vielenFragenzermürben:Wie geht’sder Familie daheim? Weiß sie wirklich, wie es ihm geht? Uwe Fanselow zumindest weiß nicht, wohin mit seinen vielen Fragen. Es gibt Tage, dageht es aufwärts. Dann wieder steilbergab. Eine Blutvergiftung, multiresistente Krankenhauskeime undunzählige Nächte voller Angstspäter wird er nach drei Wochen am8.Februar nach Hause entlassen. Davor verbringt er einige Tage auf der Normalstation. „Man schraubt alles auf einen einzigen, festen Wunsch herunter: Hier durchkommen, kostees, waseswolle“, sagter. Unzählige Nächte vollerAngst Geblieben sind Angstattacken und ein enormer Erschöpfungszustand. Zwölf Kilo hat erabgenommen. Und das Heimkommen kostet Kraft. Auch emotional. „Man ist total empfindsam, will niemandem auf den Keks gehen. Meine Familie hat esschließlich auch nicht leicht gehabt in der ganzen Zeit. Am Anfang schafft man esgerade einmal vom Bett ins Bad“, sagt der 53-Jährige. Alles muss neuerlernt werden. Das Warten auf die Anschlussheilbehandlungineiner Reha-Klinikdauert drei Wochen. Viel zu lange, findet Uwe Fanselow. Die Kommunikation mit Behörden sei teilweiseeine Zumutung gewesen.„In einer solchen Extremsituation hat man keinVerständnis dafür.“ Leistung derLunge bei54Prozent Seit fast zwei Wochen ist ernun in Bad Salzungen. Seine Lunge hat immer noch eine Leistung von nur 54 Prozent. Erschöpft ist er, sein Herz muss mehr pumpen. Inder rechten Kniekehle hat sich eine Thrombose gebildet. Allesgeht langsamer als sonst. Aber er lebt undmacht täglich neue Fortschritte. Zwischen Fitnessstudio, Atemtherapie, Rückenschule und Solebehandlung gibt es bei der Kur psychologischeGesprächsrunden. Jederhabe sein individuelles Corona-Drama erlebt. „Keine Krankheitsgeschichte ähnelt der anderen“, sagt Uwe Fanselow. Auch deshalb nimmt eraneinem Forschungsprojekt samt Langzeittests teil. Mehrere Unikliniken sinddafüreng mit der Reha verzahnt. „Ich möchte etwas zurückgeben. Nurdankder Ärzte,der Pflegerund Krankenschwestern in Kamenz und Dresden bin ichnochhier.Die Krankheit hat mich zu einem anderen Menschen gemacht. Niemand von uns hat gelernt, wie man mit solchen Ängsten umgehen muss“, sagt er. Aber sie seien da, und man „müsse einmalmittendurch“,weiß er nun. Die Arbeit muss warten, doch die Firma zeige Verständnis. Seine Freunde müssen auch warten. Seine Familie wird da sein, wenn er nach Hause kommt. „Es klingt wie ein kitschiges Lied, aber ich weiß jetzt, wie wertvoll Leben ist.“ Auch wenn esrichtig heftig wird und der Weg lang ist: Aufgeben ist für Uwe Fanselow keine Option. „Dafür liebe ich das Leben undmeine Familieviel zu sehr!“

ENTSCHEIDER&KARRIERE 11 Ein Luxushotel im Lockdown Anfang 2020 weihte dasVier-Sterne-Haus BeiSchumann einenAnbauein. Dochder konnte nurkurz öffnen. Die Betreiberhaben trotzdem Grundzur Freude. Von FranziskaSpringer Eine Situation, die man im Hotel Bei Schumann in Kirschau normalerweise nicht erlebt, ist die: Im Eingangsbereich ist es kühl und ein bisschen duster; die Rezeption ist nicht besetzt; die roten Samtsofas in der Lobby sind mit weißen Tüchern bedeckt. Wer hinein will, muss klingeln. Durch die Seitentür tragen zwei Mitarbeiter Matratzen nach draußen. All das: Ein Kontrast zur eleganten Herzlichkeit, die Gäste und Besucher hier normalerweiseempfängt.Die Szenerie, hervorgerufen durch die Lockdown-Wirklichkeit, wirkt vor diesem Hintergrund befremdlich und ungewohnt. Frederik Nebrich findet noch härtere Worte: „Grausam“, nennt der älteste Spross von Hotelinhaberin Petra Schumann das Verharren im Stillstand.SeitJuli vergangenen Jahres ist er als Junior- Chef im Familienunternehmen tätig; wechselte mitten in der Krise vom Angestelltenverhältnis in die Führungsetage. So erlebte er die beiden Phasen der Zwangsschließung aus gänzlich unterschiedlichen Perspektiven. Den ersten Lockdown zu ertragen, sagt er heute, sei ihm leichter gefallen: „Während der ersten Welle musste ich mich damit abfinden, dass ich eine Zeit lang weniger Geld bekomme. Aber in der zweiten Welle habe ich erst die Tragweiteder Situationbegriffen. Ich hatte plötzlich Verantwortung“, sagt Frederik Nebrich. Und die, fährt er fort, sei keinesfalls nur inblanken Zahlen spürbar geworden. „Damit, nur Anweisungen zugeben, ist esnicht getan. Man muss die Mitarbeiter motivieren, den eigenen Kopf fit halten, die Azubis auf die Prüfung vorbereiten und so weiter. Wir haben einen Haufen Arbeit, aber nichts zu tun“, zählt erauf. Besonders bewusst sei ihm das geworden, als er selbst einige nächtliche Wachschichten in dem Luxus- Haus übernommen habe. In diesen Momenten habe er Dunkelheit und Stille um sich herum besonders erdrückend wahrgenommen. „Mir fehlt das Gefühl, durch die Gänge zulaufen und die Gäste um mich herum glücklich zu wissen“, „So eingroßes Haus offenzuhalten,ist unbezahlbar.“ Seit fünf Monaten dürfen Juniorchef Frederik Nebrich (l.) und Hotelinhaber Rüdiger Schumann in Kirschau keine Gäste mehr empfangen. sagt er nachdenklich. Jeder in derFamilie habe während des zweiten Lockdowns mindestens einen Tag an Corona-Blues gelitten, fügt erhinzu. Verwunderlich ist das nicht. Ein Blick zurück: Im Januar letzten Jahres hatte das Ehepaar Schumann den neu erbauten Seeflügel offiziell eröffnet – eine Art Krone auf dem gemeinsamen Lebenswerk. 19 moderne Zimmer sind entstanden, außerdem eine exklusive WellnessundSpa-Landschaftmit Deutschlands erstem Flying-Poolund einzigartigerSchneesauna. „Wir wollen den Kindern ein gut gehendes Haus hinterlassen“, sagte Hotel-Chef Rüdiger Schumann damals. Wer hätte zu diesem Zeitpunkt ahnen können, dass er heute von Umsatzeinbußen in Millionenhöhe sprechenwürde? „Wir haben eine riesige Investition getätigt, die nicht ans Netz gehen konnte, weil das Netz plötzlich nicht mehr da war“, sagt Rüdiger Schumann. Und auch das Zugeständnis derBundesregierung an Hoteliers, ihre Häuser trotz des fortdauernden Lockdowns wenigstens für Geschäftsreisende offen zulassen, verfehlte im Falle des Hotels Bei Schumann sein Ziel: „Wir sind ein Wellness- und Gourmet-Hotel“, sagt Schumann. „Wassollen wir mit zwei oder vier Gästen amTag? Wir müssten Heizungen und Lüftungen hochfahren, Personal stellen, Pools hochheizen. Soein großes Haus offen zu halten, ist unbezahlbar.“ Die Rechnung, die er aufmacht, ist einfach: LaufendeKosten hier, keinerlei Einnahmen dort. Sein Fazit: „Das Überbrückungsgeld III reicht vorn und hinten nicht. Außerdem ist die Beantragungsehr kompliziert.“ Großer Zuspruchder Gäste Und dann hört erauf, zu tadeln. Weil das niemanden voranbringt. Stattdessen sagt er: „Mitte Mai war das Haus voll. Der Sommer 2020 war sogut wie noch nie.“ Für Schumanns birgt das eine Gewissheit: Die Gäste wollen wiederkommen; sie buchen –und buchen im Zweifelsfalle mehrmals um. Solange, bis sie kommen dürfen.Viele Stammgäste, sagt er,schickten außerdem Durchhalteparolen –per Mail oder per Kommentar auf den hoteleigenen Social-Media-Kanälen. Auf deren Aufbau und Pflege legt Geschäftsführerin Gerade erst hatten die Betreiber des Hotels in Kirschau kräftig investiert –dann kam Corona. Per Telefon, Mail und vor allem über soziale Medien hält die Hoteliers- Familie nun zu ihren Stammkunden Kontakt. Die ermutigen sie zum Durchhalten. Fotos:Uwe Soeder Petra Schumann seit jeher großen Wert. Eine Mühe, die sich jetzt auszahlt. „Wir versuchen,auf diesemWeg, unsere Gäste weiterhin für uns zubegeistern, und die Begeisterung kommt zuuns zurück“, hat Rüdiger Schumann beobachtet. Und natürlich, fährt erfort, sei auch das Telefon ständig besetzt. E-Mails würden schnell beantwortet. Das sei das Mindeste, um denKontakt zu den Kundenzuhalten. Der Zuspruch ihrer Gäste scheint für die Hoteliers-Familie heilsam zu wirken. Denn trotz der dominanten Krise im Gastgewerbe vermeldet Familie Schumann Erfolge: Der Leerstand werde für Renovierungs- und Grundreinigungsarbeiten genutzt,sagen sie. 99 Prozent der Mitarbeiter hätten dem Unternehmen bislang die Treue gehalten –auch weil die Hotelinhaber nach eigener Aussage bei finanziellen Notlagen einsprangen. Das schönste Erlebnis im Lockdown aber:„Wirhaben mit unserem Restaurant Juwel 17von 20 Punkten beim Gault Millau geholt und unseren Stern beim Guide Michelin verteidigt. Das hat das Team wahnsinnig aufgebaut“, sagt Frederik Nebrich. Solcher Auftrieb ermuntert die Hoteliers-Familie trotz ungewisser Aussichten zum Optimismus. Frühestens zu Pfingsten, nimmt Rüdiger Schumann an, könne dasVier-Sterne-Hauswieder öffnen. Doch ganz gleich, wann das Bei Schumann in Kirschau wieder Gäste empfangen kann, eines steht für den Juniorchef sicher fest: „Mit dem Tag der Eröffnung werden wir ranklotzen. Jeder von uns wird viel, viel arbeiten“, kündigt Frederik Nebrichan.

Sächsische Zeitung und Sächsische.de

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