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FUSSBALL FAMILIE |

FUSSBALL FAMILIE | ALMUTH SCHULT um neu in eine Gruppe zu kommen. Dann saß ich allein in dieser kleinen Wohnung. Als Frauenfußballerin verdienst du nicht so viel, das heißt, die war spärlich eingerichtet: kein Internet, kein Telefon, kein Fernseher. Es hat nicht mal für Gardinen gereicht. Ich habe in der Einflugschneise vom Flughafen gewohnt und immer Flugzeuge beobachtet. Das war eine prägende Zeit, und ich bin froh, dass es jetzt besser ist. Es hat mir aber nochmal gezeigt, wie wichtig mir meine Familie, mein Umfeld ist. Wann hast du das finanzielle Gefälle zwischen Männer- und Frauenfußball wahrgenommen? Eigentlich erst, als es so Richtung Nationalmannschaft und Bundesliga ging. Vorher wollte ich einfach nur Fußball spielen. Als ich dann im Bundesligakader war und gemerkt habe, ich muss trotz allem schauen, wie ich den Lebensunterhalt HIER LÄUFT FUSSBALL Magenta-Sport (Telekom) zeigt diese Saison alle 132 Saisonspiele der zwölf Mannschaften starken Frauen-Bundesliga live. Eine Begegnung findet Freitagabend statt, mindestens eine am Samstag, der Rest am Sonntag. Darüber hinaus läuft eine Begegnung pro Spieltag live auf Eurosport, und auch die ARD hat sich Rechte an einem Live-Spiel pro Spieltag gesichert. Zudem berichtet die ARD-Sportschau am Samstag. DAZN hat sich die Rechte an der Champions League der Frauen gesichert: In Zusammenarbeit mit YouTube laufen dort alle 61 Spiele kostenfrei. DFB-Pokal der Frauen: Der Höhepunkt jeder der sechs Runden einschließlich des Finales 2022 in Köln wird auf Sky übertragen. gestalte, und dass mich meine Eltern weiter unterstützen, das war komisch. Auch, weil ich in der Schule neben Spielern aus dem Internat der Männer saß, die deutlich mehr verdient haben, obwohl sie in der U17 waren. Andererseits war ich immer stolz darauf, es trotzdem zu schaffen. Musstest du dir als Mädchen oder junge Frau auch Sprüche anhören? Ja, klar. Meine Jungs und Vereine haben immer sehr zu mir gestanden, aber von anderen gab es das häufig. Erst wurde gelästert, dass ein Mädchen im Tor steht. Die Genugtuung war dann, wenn es nach dem Spiel umgekehrt war, also, es sei unfair, ein Mädchen im Tor zu haben. Aber es ist schon traurig, gerade wenn sowas auch von den Eltern kommt. Was glaubst du, warum das im Fußball so extrem ist? Das hat sehr viel mit der Wahrnehmung in der Öffentlichkeit zu tun. Ich glaube, es wurde sich über keine Sportart so lustig gemacht wie über den Fußball, wenn Leistung bei Männern und Frauen unterschiedlich war. Das ging schon kurz nach der Verbotsphase des Frauenfußballs im DFB los. Sowas bleibt im Gedächtnis. Bis heute gibt es auf Funktionärsebene fast keine Frau, und wenn man keine Beispiele hat, keine Vorbilder, ist es schwierig, dagegen anzukämpfen. Du bist von Hamburg nach Stendal zu deinem damaligen Partner gezogen und hast für den Magdeburger FFC Re- Schult in ihrem Element. Ihr Saisonstart 21/22 fiel verletzungsbedingt flach gionalliga gespielt. Steht das Private für dich immer über der Karriere? Ich hatte in Hamburg nicht mehr so den Spaß am Fußball, aber der ist mir wichtig. Das Private hat dann auch eine Rolle gespielt, außerdem war mir der Magdeburger FFC sympathisch, ich war überzeugt von deren Konzept. Alle haben damit gerechnet, dass die Karriere damit vorbei ist, auch in der Nationalmannschaft. Letztlich habe ich die U20-WM doch gespielt. Ich würde jede Entscheidung wieder so treffen, weil sie mich und meinen Charakter geprägt hat. Und Entscheidungen für Familie und Freunde habe ich nie bereut, das war immer positiv. Wenn man ein gutes Gefühl mit sich und dem Umfeld hat, bringt man auch bessere Leistung. Es gibt aus dieser Zeit Artikel über dich mit Formulierungen wie „die kesse Brünette ist alles andere als ein dröges Landei“. Hat dich diese Sicht irritiert? Ich kann mir kaum vorstellen, dass so über männliche Kollegen geschrieben wurde. Das war eine Zeit, in der wir froh waren, wenn Frauen und Fußball überhaupt mal thematisiert wurden (lacht). Man hat sowas auch nicht unbedingt gelesen. Ich wollte meine Antwort immer auf dem Platz geben, und meine Familie und Freunde wussten sowieso immer, wer ich bin. 24

FUSSBALL FAMILIE | ALMUTH SCHULT Du gehörst zu den neun Frauen, die das Papier „Fußball kann mehr“ für mehr Frauen und Frauenrechte im Fußball veröffentlicht haben. Ist Druck über prominente Gesichter genau der richtige Weg? Türen öffnet man immer über prominente Gesichter und Vorbilder. Wir neun haben gemerkt, wir sind von Alter und Aufgaben sehr divers und finden trotz allem die gleichen Barrieren und Vorurteile vor – und möchten daran gern etwas ändern. Wir sind froh, dass die Initiative gut aufgenommen wurde, und gespannt, was daraus erwächst. Es ist ein sehr entscheidendes Jahr für den Fußball, und es könnte das eines Neuanfangs sein. Wird der Blick im Fußball weiter und diverser, wenn Funktionsträgerinnen und Funktionsträger diverser sind? Wir möchten erstmal gerne, dass unser kompletter Verband abgebildet wird. Es gibt ja auch weitere Geschlechter, es geht um Alter, Herkunft und mehr. Jeder hat andere Bedürfnisse, und überhaupt einen Blick dafür zu entwickeln, wie individuell das ist, finde ich wichtig. Voriges Jahr im April bist du Mutter von Zwillingen geworden und hast danach deine Karriere fortgesetzt. Ab wann war dir klar, dass das ein großes Thema werden würde? Von Anfang an (lacht). Ich habe mit Kolleginnen schon vor zehn Jahren über das Thema Kinder gesprochen. Ich freue mich für die Spielerinnen, die Mütter geworden sind, dass sie gesunde Kinder haben und in ihrer Rolle aufgehen, aber ich wollte das nicht erst am Ende der Karriere. Man muss natürlich das Glück haben, dass der Kinderwunsch sich erfüllt, das ist nicht jeder vergönnt. Deshalb kann man von Planung gar nicht reden, sondern von einem Wunsch, der erfüllt wurde. Ich bin froh, dass meine Familie mich so unterstützt, und ich finde es spannend, der Gesellschaft zu zeigen: Es ist möglich. Was müsste sich elementar im Fußball verändern, damit das Thema selbstverständlicher wird und Spielerinnen wie Spieler auch Elternzeit nehmen? Wir sind in Deutschland schon sehr strikt in der Mentalität, dass wir Berufliches und Privates komplett trennen. Grundsätzlich ist das auch richtig, aber in unserem Beruf sind natürlich viele Dinge familienunfreundlich. Und wenn man da alles total trennt, wird es schwierig. Bei den Männern wird das weniger thematisiert, weil die so viel verdienen, dass sie sich vielleicht auch zwei Nannys gleichzeitig leisten können. Bei uns ist es eher so, dass wir sagen, wir sind in dem Sport eine Familie und öffnen ihn auch mehr für die Familien der Spielerinnen. Die Kinder dann auch mal mitbringen zu können, wenn man das möchte, ist ein großer Mehrwert. Da sind wir gerade dabei, eine Tür zu öffnen und das ist wichtig, die gab es vorher nämlich nicht. Eure Kinder wachsen in einer großen Familie auf. Welche Bedeutung hat das für dich? Wir haben erstmal sehr viel Hilfe. Glücklicherweise haben die Großeltern die Kinder betreut, wenn wir beide arbeiten waren. Jetzt mit der Kita wird es einfacher, Karriere-Höhepunkt 2016: In Rio de Janeiro gewann Schult mit der Nationalmannschaft die Goldmedaille – 2:1 im Finale gegen Schweden GER STATIONEN ALS SPIELERIN FC SG Gartow bis 2007 Hamburger SV 2007-2008 Magdeburger FFC 2008-2011 SC Bad Neuenahr 2011-2013 VfL Wolfsburg seit 2013 LÄNDERSPIELE 64x für Deutschland ERFOLGE Olympiasiegerin 2016, Europameisterin 2013, U20-Weltmeisterin 2010, Champions-League-Siegerin 2014, 5x Deutsche Meisterin, 7x DFB-Pokalsiegerin EHRUNGEN ALMUTH SCHULT Welttorhüterin 2014 * 9. 2. 1991 DENNENBERG (ELBE) das entlastet. Dass alle so zusammen großwerden, ist wunderschön. Ich habe das als Kind selbst erlebt. Es ist wie ein zusätzliches Geschwisterchen mit Cousins – und doch nochmal anders. Man hat immer einen Freund dabei. Sie haben untereinander ganz tollen Kontakt, und wir profitieren alle davon. Ihr wohnt ja schon sehr auf dem Dorf, oder? Wie wirst du da wahrgenommen? Ich bin einfach die Almuth. Die Menschen dort kennen mich, wie ich aufgewachsen bin. Und anders würde ich das auch gar nicht wollen. 25

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