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FÜR DIE

FÜR DIE GESCHICHTSBÜCHER Klaus Fischer schoss 1977 gegen die Schweiz das Jahrhunderttor. Hier schreibt der Direktor des Deutschen Fußballmuseums darüber Text: Manuel Neukirchner 14

Seinen Annodazumaltreffer malen die Leute noch heute mit bierfeuchten Fingern auf die Kneipentische: Hoch, fast unerreichbar kommt der Ball in den Strafraum. Klaus Fischer täuscht an, als ob er in der Vorwärtsbewegung zum Kopfball laufen würde. Sein Gegenspieler Luciano Bizzini folgt ihm auf Schritt und Tritt. Plötzlich lässt sich Fischer blitzschnell drei Schritte zurückfallen, schüttelt den Schweizer Vorstopper ab und hat den nötigen Raum für seinen Kunstschuss. 14 Meter vor dem Tor springt Fischer mit dem linken Bein ab, liegt schulterhoch mit dem Rücken zu Torwart Eric Burgener waagerecht in der Luft. Im richtigen Bruchteil der Sekunde trifft er den sich senkenden Flankenball am höchsten Punkt rücklings in der Scherenschlagbewegung mit dem rechten Vollspann. Über Fischers Kopf hinweg rauscht der Ball in den rechten Torwinkel. DAS TOR FIEL IN STUTTGART Die Zuschauer der ARD-Sportschau werden den Treffer später zum „Tor des Monats“, „Tor des Jahres“, „Tor des Jahrzehnts“ und zum „Tor des Vierteljahrhunderts“ wählen – das Jahrhunderttor. Was würde ich dafür geben, hätte ich diesen genialen Moment an jenem 16. November 1977 um 17.11 Uhr im Stuttgarter Neckerstadion live miterleben können, als Fischer in seinem achten Länderspiel bereits seinen zehnten Treffer für die Nationalmannschaft zum 4:1-Endstand in der 60. Minute gegen die Schweiz erzielte. Es war wie so oft: Als sein kongenialer Sturmpartner vom FC Schalke 04, „Flankengott“ Rüdiger Abramczik, am rechten Flügel an vier Schweizern vorbei auf und davonzieht, suchen die Augenpaare im Stadion reflexartig die deutsche Nummer 9 im schweizerischen Strafraum. Abramczik Flanke – Fischer Tor! Ob in Schalke oder in der Nationalmannschaft. Der Variantenreichtum des Stürmerpaars schien unerschöpflich. »Abi«, wie sie den Rechtsaußen in Gelsenkirchen nur nennen, nutzte seine Schnelligkeit, seine Dribellstärke und freie Räume. Wie kaum ein anderer schlug er, fast von der Torlinie aus, den Ball scharf und gerade wie ein Strich aus vollem Lauf in den Strafraum. Da lauerte dann Klaus Fischer, die Nummer eins der Nummer neun unter den deutschen Mittelstürmern in den späten 1970er-Jahren, und nahm die Bälle aus allen Lagen. Mit dem Kopf hoch in der Luft oder knapp über der Grasnarbe beim Flugkopfball, volley als Direktabnahme, artistisch per Fallrückzieher und Seitfallzieher, mit der Innenseite oder mit Vollspann, links wie rechts – Klaus Fischer, der Fußballakrobat. Fischers individuelle Klasse drückt sich in 268 Bundesliga-Toren für 1860 München, Schalke 04, Köln und Bochum aus, öfter haben nur Gerd Müller (365) und Robert Lewandowski (277 vor Saisonbeginn) vom unerreichten FC Bayern getroffen. In der Nationalmannschaft erzielte Fischer in 45 Länderspielen 32 Treffer – auch hier: Eine bessere Quote weist nur Gerd Müller auf – 68 Tore in 62 Spielen. Deutschlands führende Sportjournalisten haben Fischer als fünften Stürmer nach Gerd Müller, Uwe Seeler, Helmut Rahn und Jürgen Klinsmann in die Hall of Fame des deutschen Fußballs berufen. Eine Würdigung für einen großen Fußballer, der nie viele Worte machte, dafür lieber Tore sprechen ließ – die schönsten, die in der deutschen Fußballgeschichte erzielt wurden. Autor Manuel Neukirchner ist Direktor des Deutschen Fußballmuseums in Dortmund sowie Initiator und Jury-Mitglied der Hall of Fame des deutschen Fußballs. Foto oben links: Im Fußballmuseum können sich Gäste in einer Fallrückzieherstation fotografieren lassen: Hier macht das der Schütze selbst. Rechts: Manuel Neukirchner mit Klaus Fischer 15

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